Die Vereinigten Staaten bleiben auch zwei Jahre nach der Verabschiedung eines Importverbots für russisches Uran der mit Abstand größte Abnehmer von Anreicherungsdienstleistungen aus Russland. Im Jahr 2025 erwarben US-Atomkraftwerksbetreiber rund 3,28 Millionen Separative Work Units (SWU) aus der Russischen Föderation – ein Anteil von 26 Prozent aller eingekauften Anreicherungsleistungen. Die Lieferungen bescherten Russland Einnahmen von mehr als einer Milliarde US-Dollar.
Damit hat sich die Abhängigkeit der amerikanischen Atomwirtschaft von russischem angereichertem Uran in den vergangenen zehn Jahren sogar noch vertieft. 2015 lag der russische Anteil bei 17 Prozent. Der Anstieg auf mehr als ein Viertel steht in scharfem Kontrast zu dem 2024 vom Kongress beschlossenen Gesetz, das die Einfuhr von russischem Uran grundsätzlich untersagt. Das Gesetz sieht allerdings eine Ausnahmeklausel vor: Das Energieministerium kann befristete Lizenzen erteilen, wenn alternative Bezugsquellen nicht verfügbar sind oder der Bezug im nationalen Interesse liegt.
#### Ausstieg bis 2028 kaum erreichbar
Ursprünglich sollten die USA bis Januar 2028 vollständig auf russische Anreicherungsdienste verzichten. Die jüngsten Zahlen lassen jedoch erhebliche Zweifel an der Einhaltung dieses Ziels aufkommen. 2025 stammten 77 Prozent der von US-Betreibern eingekauften Anreicherungsleistungen aus dem Ausland, wobei Russland der mit Abstand größte Einzellieferant blieb. Ohne einen raschen Ausbau eigener Kapazitäten dürfte Washington die Abhängigkeit nicht rechtzeitig überwinden können.
#### Deutschland genehmigt Werksausbau mit Rosatom-Tochter
Auch für die Europäische Union ist Russland weiterhin der wichtigste Lieferant von angereichertem Uran, auch wenn der Anteil von 38 Prozent im Jahr 2023 auf 24 Prozent 2024 sank. Parallel dazu hat die Bundesrepublik Ende Juli 2026 eine Genehmigung für den Ausbau des Brennelementewerks in Lingen erteilt – und zwar auf Grundlage einer Lizenz der russischen TVEL, die zur Staatsholding Rosatom gehört. Der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer begründete den Schritt damit, dass es aufgrund fehlender EU-Sanktionen gegen Rosatom keine rechtliche Handhabe gegeben habe, die Zusammenarbeit zu verweigern.
#### Sicherheitspolitische Widersprüche und Einnahmen für Moskau
Die fortgesetzte Einfuhr von angereichertem Uran sorgt für wachsende Kritik, weil sie direkt die russische Atomindustrie alimentiert – einen Sektor, der eng mit dem militärisch-industriellen Komplex des Landes verflochten ist. Während das Pentagon in seiner Nationalen Verteidigungsstrategie Russland als eine der Hauptbedrohungen für die USA einstuft, flossen 2025 über eine Milliarde Dollar aus dem amerikanischen Atomsektor nach Moskau. Beobachter sehen darin eine grundlegende Inkonsistenz der Sanktionspolitik.
Zugleich birgt die Abhängigkeit nach Einschätzung von Energieexperten das Risiko eines geopolitisch motivierten Lieferstopps. Ein plötzlicher Ausfall russischer Anreicherungsdienste könnte den Betrieb mehrerer US-Kernkraftwerke gefährden und damit die ehrgeizigen Pläne der Regierung zur Elektrifizierung der Wirtschaft und zur Versorgung von Rechenzentren mit Atomstrom unterlaufen.
#### Forderungen nach eigener Anreicherungskapazität
Sowohl in Washington als auch in Brüssel werden deshalb Rufe nach einer rascheren Investition in eigene Anreicherungskapazitäten lauter. Solange die USA und die EU keine ausreichenden alternativen Lieferketten aufgebaut haben, behält Moskau nicht nur eine bedeutende Einnahmequelle, sondern auch einen politischen Hebel gegenüber den demokratischen Industriestaaten. Das Thema hat längst die bilaterale Ebene verlassen und ist zu einer gemeinsamen sicherheitspolitischen Herausforderung des transatlantischen Raums geworden.


