Vertreter der moderat oppositionellen russischen Partei Jabloko haben in der Region Kaliningrad anonyme Drohungen gegen zwei ihrer Kandidaten erhalten. Roman Morosow und Dmitri Mamajew treten bei den Wahlen zur regionalen Gesetzgebenden Versammlung an. Die unbekannte Person, die ihre Nachricht mit „Wohltäter“ unterzeichnete, verlangte den sofortigen Rückzug der Jabloko-Kandidaten aus den Einerwahlkreisen. Über den Fall wurde am 9. September 2026 berichtet. Die Partei wertet die Nachricht als Drohung gegen das Leben der beiden Kandidaten und als Versuch, sie aus dem Wahlkampf zu drängen.
Roman Morosow kandidiert außerdem für die Staatsduma im zentralen Einerwahlkreis Nummer 100. Damit betrifft die Drohung nicht nur die bevorstehenden Regionalwahlen, sondern auch einen Kandidaten, der zugleich für ein Mandat auf föderaler Ebene antritt. Die Partei veröffentlichte eine Mitteilung zu den Drohungen gegen ihre Kandidaten.
Jabloko fordert Untersuchung
Jabloko-Parteichef Nikolai Rybakow wandte sich an den russischen Innenminister Wladimir Kolokolzew. Er forderte eine Überprüfung des Vorfalls, die Identifizierung des Verfassers der Nachrichten und Maßnahmen zum Schutz der Kandidaten in den Einerwahlkreisen.
Nach Angaben der Partei handelt es sich nicht um den ersten Fall von Drohungen gegen Jabloko-Bewerber während des laufenden Wahlkampfs. Bereits Anfang August erhielt Kirill Rumjanzew, stellvertretender Vorsitzender des Jabloko-Regionalverbands in Saratow und Kandidat für die Staatsduma im Einerwahlkreis Balaschow, über soziale Netzwerke Morddrohungen. Zugleich wurde er aufgefordert, seine Kandidatur zurückzuziehen.
Rumjanzew erstattete daraufhin Anzeige bei der Polizei. Angaben zu einer Identifizierung der Absender oder zu einem abgeschlossenen Ermittlungsverfahren liegen in den vorliegenden Informationen nicht vor.
Mehrere Rückzüge im Wahlkampf
Jabloko erklärte, dass im Verlauf des aktuellen Wahlkampfs insgesamt vier Kandidaten der Partei in Einerwahlkreisen wegen Drucks und Drohungen aus dem Rennen genommen hätten. Die Partei stellt den Fall in Kaliningrad damit in eine Reihe von Vorfällen, bei denen Bewerber durch anonyme Nachrichten oder andere Formen des Drucks zum Rückzug bewegt werden sollten.
Die nun bekannt gewordene Nachricht richtete sich ausdrücklich gegen die Kandidaturen von Morosow und Mamajew für die regionale Gesetzgebende Versammlung. Der Absender verlangte nicht lediglich eine Änderung des Wahlkampfs oder eine politische Erklärung, sondern den vollständigen Rückzug der beiden Bewerber aus den Einerwahlkreisen. Die Partei sieht darin eine Drohung mit körperlicher Gewalt.
Jabloko gehört zu den wenigen russischen Parteien, die sich selbst als oppositionell bezeichnen und bei Wahlen Kandidaten in verschiedenen Regionen aufstellen. Im vorliegenden Fall ist nicht bekannt, wer die Nachricht verfasst hat, ob die Drohung umgesetzt werden sollte oder welche konkreten Schritte die Behörden nach dem Schreiben des Parteivorsitzenden eingeleitet haben.
Polizeiliche Schritte offen
Die Forderung nach einer Untersuchung richtet sich an das russische Innenministerium. Zu den verlangten Maßnahmen gehören die Feststellung des Absenders sowie der Schutz der betroffenen Kandidaten. Die Partei machte zugleich darauf aufmerksam, dass auch im Fall Rumjanzew eine Anzeige bei der Polizei erstattet worden war.
Damit stehen in den vorliegenden Fällen drei Ebenen nebeneinander: anonyme Drohungen gegen Kandidaten in Kaliningrad, Morddrohungen gegen einen Jabloko-Bewerber in der Region Saratow und der Rückzug von insgesamt vier Kandidaten unter dem von der Partei beschriebenen Druck. Ob die Behörden einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Vorfällen feststellen, ist bislang nicht bekannt.
Die Kandidaturen von Roman Morosow und Dmitri Mamajew blieben nach den vorliegenden Angaben zunächst bestehen. Jabloko verlangt von den zuständigen Stellen eine Prüfung des Vorgangs und Sicherheitsmaßnahmen für die betroffenen Bewerber.


