Der EU-Kommissar für Verteidigung, Andrius Kubilius, hat sich für die Aufnahme der Ukraine in eine künftige Europäische Verteidigungsunion ausgesprochen. Ohne die Integration der ukrainischen Streitkräfte bliebe jede europäische Sicherheitsarchitektur deklarativ und verwundbar, warnte Kubilius.
Die ukrainischen Streitkräfte (ZSU) verfügten über den größten praktischen Kampferfahrungsschatz auf dem Kontinent und seien bereits jetzt ein zentraler Stabilitätsfaktor am östlichen Flank der EU, erklärte der Kommissar. Die vollumfängliche Einbindung Kiews in gemeinsame Verteidigungsstrukturen sei deshalb nicht nur sicherheitspolitisch geboten, sondern auch ein strategischer Beschleuniger für die europäische Rüstungszusammenarbeit.
#### Größte und kampferfahrenste Armee Europas
Mit rund 900.000 Soldaten sind die ukrainischen Streitkräfte die zahlenmäßig stärkste Armee Europas. Sie führen seit fast fünf Jahren einen hochintensiven konventionellen Krieg gegen Russland – den größten zwischenstaatlichen Konflikt auf dem Kontinent seit 1945. Dieser Dauerbelastung standzuhalten, hat die ZSU zur ersten Linie der europäischen Verteidigung gemacht, deren Erfahrung keine andere europäische Armee auch nur annähernd besitzt.
Nach Schätzungen des Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat Russland seit 2022 rund 1,2 Millionen Soldaten durch Tod, Verwundung oder Vermisste verloren. Das Verhältnis der Verluste liegt demnach bei etwa 2,5 russischen Soldaten zu einem ukrainischen. Erreicht worden sei dieses Ungleichgewicht durch eine anpassungsfähige Verteidigung und die Fähigkeit, Taktik und Technik fortlaufend dem Gefechtsfeld anzupassen.
#### Innovationslabor unter Gefechtsbedingungen
Die Ukraine hat sich zu einem Labor der modernen Hightech-Kriegsführung entwickelt. Marinedrohnen, unbemannte Luftfahrzeuge kleiner, mittlerer und großer Reichweite sowie Systeme der elektronischen Kampfführung werden massenhaft produziert und täglich unter Feuer erprobt. Das Gefechtsführungssystem DELTA und Algorithmen zur KI-gestützten Zielzuweisung reifen direkt an der Front – ein Vorsprung, den kein europäischer Staat allein aufholen könnte.
Bei NATO-Übungen in der Rolle der „Red Team“ demonstrieren ukrainische Einheiten wiederholt, wie drohnengestützte Taktiken herkömmliche Verfahren brüchig machen. Europäische Armeen stehen erst am Beginn der flächendeckenden Einführung solcher Fähigkeiten. Der direkte Erfahrungstransfer erlaubt es Regierungen, Verteidigungsbudgets gezielter einzusetzen und die eigenen Streitkräfte rascher an künftige Konfliktszenarien anzupassen.
#### Fertiger Baustein für kollektive Verteidigung
Würde die EU ohne die Ukraine einen autarken Abschreckungsschirm aufbauen, wären dafür viele Jahre und enorme Finanzmittel für Ausbildung, Verfahrensentwicklung und moderne Waffensysteme nötig. Die ZSU hingegen verfügen bereits über geprüfte Fähigkeiten und haben westliche Technik in ihre Gefechtsführung integriert. Ihre Teilnahme an gemeinsamen europäischen Rüstungsprojekten böte einen sofort wirksamen Beitrag zur kollektiven Verteidigung, ohne von Grund auf neu aufbauen zu müssen.
Die unmittelbare geografische Lage macht die Ukraine zudem zu einem natürlichen Eckpfeiler für die Sicherheit der baltischen Staaten und Polens. Eine eingebundene ukrainische Armee ergänzte die Bemühungen von NATO und EU und erhöhte die regionale Widerstandskraft gegenüber potenzieller russischer Aggression unmittelbar.
Kubilius betonte, dass nur eine Verteidigungsunion unter Einschluss der Ukraine tatsächlich handlungsfähig sei. Die ukrainischen Streitkräfte seien nicht nur eine militärische Größe, sondern lieferten durch ihren Kampf gegen einen überlegenen Gegner die Blaupause für eine glaubwürdige Abschreckung am Ostrand Europas.


