Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, erklärte am 9. September in Wien vor dem Gouverneursrat, dass an der von Russland besetzten Atomkraftanlage Saporischschja sechs von sieben grundlegenden Prinzipien der nuklearen Sicherheit verletzt seien. Bereits zu Beginn der russischen Invasion hatte die Behörde sieben Säulen der nuklearen und physischen Sicherheit definiert, darunter die physische Integrität, die Funktionsfähigkeit der Systeme, die Unabhängigkeit des Personals, stabile Stromversorgung, ununterbrochene Logistik, Strahlungskontrolle und sichere Kommunikationskanäle. Laut BBC-Bericht sind diese Grundpfeiler heute weitgehend unterminiert.
Stromversorgung und Kühlung auf kritischem Niveau
Grossi warnte, dass die Anlage derzeit nur über eine externe Hochspannungsleitung mit Energie versorgt werde, was das Risiko eines Totalausfalls drastisch erhöhe. Zudem sei der Wasserstand im Kühlbecken auf 13,4 Meter gesunken – nahe dem kritischen Grenzwert von 12 Metern, unterhalb dessen die Kühlsysteme versagen würden. Der Bau einer neuen Pumpstation sei dringend notwendig, um die Stabilität des Kühlsystems sicherzustellen. Alle sechs Reaktoren befinden sich weiterhin im Zustand des „kalten Abschaltens“, doch Experten betonen, dass ein sicherer Neustart unter den aktuellen Umständen ausgeschlossen ist.
Versuche der Integration in russisches Stromnetz
Nach Einschätzung des ukrainischen Energieministeriums gibt es verstärkte Hinweise darauf, dass Russland versucht, die Anlage vor Beginn der Heizperiode in sein eigenes Energiesystem einzubinden. Dieser Schritt würde zusätzliche Risiken schaffen, da er ohne internationale Sicherheitsstandards und mit nicht geschultem Personal durchgeführt würde. Das Ministerium spricht von einer „außerplanmäßigen Gefährdung“, da Betrieb und Wartung in diesem Modus konstruktiv wie auch prozedural nicht vorgesehen seien.
Militärische Präsenz und eingeschränkter Zugang für Beobachter
Seit der Besetzung im März 2022 wurde das ukrainische Personal weitgehend durch russische Mitarbeiter ersetzt. Auf dem Gelände kam es mehrfach zu Explosionen, Bränden und fast einem Dutzend Blackouts. Obwohl seit Sommer 2022 eine permanente IAEA-Mission vor Ort ist, wird den Beobachtern bis heute nicht uneingeschränkt Zugang gewährt. So seien sie etwa nicht zu einer neu errichteten russischen Dammkonstruktion an einem Kühlwasserkanal zugelassen worden. Diese Beschränkungen erschweren die unabhängige Überwachung erheblich und lassen die tatsächlichen Risiken nur teilweise erkennen.
Internationale Dimension und mögliche Folgen
Eine nukleare Katastrophe an Europas größtem Atomkraftwerk könnte weitreichende Folgen haben, die über die Grenzen der Ukraine hinausgehen. Experten warnen, dass im schlimmsten Szenario eine Sperrzone von bis zu 30.000 Quadratkilometern nötig wäre – zehnmal so groß wie die nach Tschernobyl. Potenziell könnten zwei Millionen Quadratkilometer radioaktiv belastet werden, inklusive Teilen des Dnipro sowie des Schwarzen und Asowschen Meeres, mit massiven ökologischen Konsequenzen für die Region.
Politische Initiativen und Forderungen
Kiew fordert die vollständige Rückgabe der Anlage an den ukrainischen Betreiber Energoatom, um professionelle Wartung, sichere Betriebsführung und die Einrichtung einer demilitarisierten Zone zu gewährleisten. Auch auf internationaler Ebene bleibt die Zukunft des Standorts Thema. Bei Gesprächen zwischen Präsident Wolodymyr Selenskyj und US-Präsident Donald Trump wurde die Unterstützung der USA bei einer möglichen Deokkupation diskutiert. US-Außenminister Marco Rubio hatte zuvor die Übertragung der Kontrolle an die Vereinigten Staaten als besten Schutz für die ukrainische Energieinfrastruktur bezeichnet.


