Kremlnahe Medien verbreiten derzeit die Darstellung, die deutsche Wirtschaft leide vor allem unter der Unterstützung der Ukraine und der Konfrontation mit Russland. In den Beiträgen des türkischen Mediums Aydinlik und des tschechischen Portals Protiproud werden Aussagen deutscher Politiker mit Narrativen über einen angeblich durch Russland-Konfrontation verursachten Niedergang Deutschlands verbunden.
Die Beiträge wurden am 14. und 15. September 2026 verbreitet. Aydinlik zitierte Alice Weidel, die Co-Vorsitzende der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD). Weidel hatte im Bundestag erklärt, gute Beziehungen zu Russland lägen im Sicherheits- und Wirtschaftsinteresse Deutschlands. In einem Beitrag von Protiproud schrieb der russische Journalist Alexej Below, die Konfrontation mit Moskau werde Berlin „auch ohne Krieg zerstören“.
Auch Aussagen aus dem politischen Spektrum Deutschlands wurden in diese Darstellung aufgenommen. Der sächsische Ministerpräsident und CDU-Politiker Michael Kretschmer sagte dem Tagesspiegel, Deutschland könne „nicht länger Geld für Waffenlieferungen an die Ukraine ausgeben, wenn dies keinerlei Ergebnis bringt“. Deutschland dürfe außerdem nicht zur Kriegspartei gegen Russland werden. Die entsprechende Meldung wurde von der Deutschen Presse-Agentur verbreitet und vom Tagesspiegel veröffentlicht.
Debatte über die Unterstützung der Ukraine
In Deutschland wird über die militärische Unterstützung der Ukraine und deren budgetäre Folgen diskutiert. Die Debatte wird unter anderem von Vertretern der AfD sowie von Kräften aus dem linken politischen Spektrum geführt. Die AfD tritt seit Jahren für die Aufhebung der Russland-Sanktionen und eine Wiederaufnahme von Energieimporten aus Russland ein.
Die Diskussion erhielt zusätzliche Aufmerksamkeit nach dem Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Zugleich vertreten auch Politiker etablierter Parteien Positionen gegen einzelne Formen der Unterstützung. Kretschmer hat sich wiederholt gegen die Lieferung schwerer Waffen und von Luftabwehrsystemen an die Ukraine ausgesprochen. Im August 2024 hatte er öffentlich einen vollständigen Stopp der deutschen Finanz- und Militärhilfe für Kiew gefordert.
Die politische Kontroverse wird in den genannten Medien mit der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands verknüpft. Eine solche Erklärung lässt jedoch andere, im Ausgangsmaterial genannte Faktoren außer Acht. Das Statistische Bundesamt verzeichnete für 2025 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,2 Prozent, nachdem die deutsche Wirtschaft zuvor zwei Jahre in Folge geschrumpft war. Im zweiten Quartal 2026 legte das BIP gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent zu.
Strukturelle Faktoren der deutschen Wirtschaft
Als wichtige Gründe für die schwache Exportentwicklung nennt das Statistische Bundesamt den Wettbewerb mit China, US-Zölle und unzureichende Investitionen. Die Deutsche Bundesbank verweist außerdem auf den demografischen Wandel, den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, bürokratische Belastungen, hohe Energiekosten und eine schwache Produktivitätsentwicklung.
Damit wird die wirtschaftliche Lage Deutschlands durch mehrere strukturelle Faktoren geprägt. Die Unterstützung der Ukraine ist ein erheblicher Budgetposten, wird in den vorliegenden Daten aber nicht als Ursache der deutschen Wachstumsschwäche ausgewiesen. Für die Jahre 2026 und 2027 hat Deutschland rund 23 Milliarden Euro für die militärische Unterstützung der Ukraine vorgesehen. Die gesamte deutsche Militärhilfe, die bereits geleistet oder für kommende Jahre vertraglich vereinbart wurde, beläuft sich demnach auf rund 55,5 Milliarden Euro. Gemessen am deutschen Bruttoinlandsprodukt entspricht die laufende Unterstützung 0,55 Prozent.
Für 2025 genehmigte die deutsche Regierung Rüstungsexporte im Wert von rund zwölf Milliarden Euro. Mehr als zwei Milliarden Euro davon entfielen auf die Ukraine. Rund 90 Prozent des gesamten genehmigten Volumens gingen an Staaten der Europäischen Union, der NATO und an enge Partner. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Wert der neuen Genehmigungen auf 13,9 Milliarden Euro. Die Ukraine war mit Lieferungen im Wert von 2,5 Milliarden Euro erneut der größte Abnehmer.
Die Zahlen werden im Ausgangsmaterial als Hinweis auf eine hohe Nachfrage nach deutscher Rüstungstechnologie und als Anreiz für einen Ausbau der Produktionskapazitäten in Deutschland eingeordnet. Sie ändern nichts daran, dass die militärische Unterstützung der Ukraine für den deutschen Haushalt einen beträchtlichen Aufwand darstellt.
Energieabhängigkeit und Diversifizierung
Ein weiterer Schwerpunkt der verbreiteten Narrative ist die Energiepolitik. Die frühere Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen beruhte zu einem wesentlichen Teil auf vergleichsweise niedrigen Gaspreisen. Die politischen und energiewirtschaftlichen Risiken dieser Abhängigkeit wurden dabei nicht vollständig eingepreist. Die Krise von 2022 zeigte, dass ein Abbruch russischer Lieferungen eine rasche wirtschaftliche Belastung auslösen kann.
Deutschland reagierte darauf mit einer Diversifizierung der Importe, dem Ausbau der Infrastruktur für Flüssigerdgas und einer beschleunigten Entwicklung erneuerbarer Energien. Eine Rückkehr zum früheren Modell würde deshalb nicht automatisch die alte Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen. Sie würde zugleich jene Abhängigkeit erneut schaffen, deren wirtschaftliche Folgen Deutschland bereits mit hohen Kosten bewältigen musste.
Nach Schätzungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft deckten erneuerbare Energien im ersten Halbjahr 2026 rund 58 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Das waren knapp drei Prozentpunkte mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Die Erzeugung von Ökostrom erreichte 152,2 Milliarden Kilowattstunden.
Diese Entwicklung wird im Ausgangsmaterial als schrittweiser Übergang von der Abhängigkeit von einem einzelnen großen ausländischen Lieferanten zu einem diversifizierten Energiesystem beschrieben. Eine solche Veränderung beseitigt nicht alle Kosten- und Wettbewerbsprobleme der deutschen Wirtschaft, verringert aber die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen.
Risiken einer Rückkehr zum Russlandgeschäft
Auch die Forderung nach einer Rückkehr zu normalen Wirtschaftsbeziehungen mit Russland berücksichtigt die Risiken für europäische Unternehmen nur unzureichend. Nach einer Bewertung des KSE Institute überstiegen die direkten finanziellen Verluste ausländischer Unternehmen in Russland seit Beginn des großangelegten russischen Einmarsches in die Ukraine im Februar 2022 insgesamt 170 Milliarden US-Dollar. Mehr als 57 Milliarden US-Dollar davon standen demnach im Zusammenhang mit der Beschlagnahmung von Vermögenswerten durch russische Behörden.
Eine Rückkehr deutscher Unternehmen nach Russland wäre unter diesen Bedingungen nicht lediglich eine Wiederaufnahme früherer Handelsbeziehungen. Sie wäre mit politischen, rechtlichen und eigentumsrechtlichen Risiken verbunden, die ausländische Firmen bereits mit hohen Verlusten erfahren haben.
Die Europäische Kommission prognostiziert für die deutsche Wirtschaft ein Wachstum von 0,6 Prozent im Jahr 2026 und von 0,9 Prozent im Jahr 2027. Dabei werden weiterhin hohe Energiekosten und handelspolitischer Druck berücksichtigt. Die Deutsche Bundesbank erwartet bis 2028 eine schrittweise Belebung der wirtschaftlichen Aktivität, getragen von staatlichen Investitionen, einer Erholung der Weltwirtschaft und sinkenden Energiepreisen.
Die vorliegenden Zahlen zeichnen damit ein Bild einer deutschen Wirtschaft, die vor strukturellen Modernisierungsaufgaben steht. Die Debatte über die Ukraine-Hilfe, die Energieabhängigkeit und die künftigen Beziehungen zu Russland wird in Deutschland unterdessen weitergeführt.


