Eine kirgisische Zahlungsplattform sollte in Moskau als Alternative zu SWIFT erscheinen. Im Mittelpunkt steht Michael Donald, ein britischer Zahlungsexperte und früheres Vorstandsmitglied von Visa UK, dessen Name bei der Vorstellung der VexPay-Führung genannt wurde – obwohl er bestreitet, jemals Direktor oder Mitarbeiter des Projekts gewesen zu sein.
Der Streit über seine Rolle verweist auf ein größeres Problem: Wenn Eigentümer, technische Dienstleister, Berater und Konten über mehrere Länder verteilt sind, lässt sich die tatsächliche Kontrolle eines Zahlungsunternehmens nur schwer aus Handelsregistern und offiziellen Titeln ablesen. Genau diese Zwischenräume können für sanktionierte Netzwerke von Nutzen sein.
Ein Treffen in Moskau, zwei Darstellungen
Am 12. August 2025 nahm Donald nach eigener Aussage an einem Treffen in Moskau mit Vertretern des Netzwerks A7 teil. Der moldauische Oligarch Ilan Schor stellte dort die neue Führung von VexPay vor und nannte Donald als einen ihrer Verantwortlichen. Donald bestätigt seine Anwesenheit, weist die Darstellung seiner Funktion aber zurück.
Er sei nie Mitarbeiter oder Direktor von VexPay gewesen und habe einer solchen Position auch nicht zugestimmt, erklärte Donald. Seine Tätigkeit habe sich auf eine Beratung der kirgisischen Staatsgesellschaft Processing KG beschränkt. Dabei sei es um internationale Zahlungen, die Akzeptanz von Bankkarten, Apple Pay und die Zusammenarbeit mit Visa gegangen.
VexPay ist formal mit Processing KG verbunden. Die kirgisische Seite bestreitet, dass die Plattform von außen kontrolliert wird. Zugleich berichtete The Insider, Schor und Mitarbeiter von A7 hätten an Gesprächen über die Struktur des Projekts, seine Konten, die personelle Besetzung und die technische Organisation teilgenommen.
Damit bleibt ein entscheidender Unterschied bestehen: Donalds Anwesenheit in Moskau und seine Beratungstätigkeit sind von ihm bestätigt, seine formale oder operative Führungsrolle bei VexPay dagegen nicht. Aus den vorliegenden Angaben folgt auch nicht, dass Donald oder seine britische Firma ImageNPay bewusst an einer Umgehung von Sanktionen beteiligt waren.
Warum ein westlicher Name Gewicht hat
Donald ist Miteigentümer von ImageNPay, einem britischen Fintech-Unternehmen mit einem technologie- und umweltorientierten Profil. Eine Registrierung im Vereinigten Königreich und die Verbindung zu einem früheren Visa-Manager können einem neuen Zahlungsprojekt bei Geschäftspartnern, Banken und Compliance-Abteilungen zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen. Das ist kein Beweis für einen Rechtsverstoß. Es erklärt aber, weshalb westliche Fachkenntnis für einen Betreiber in einem Drittstaat wertvoll sein kann.
Der Nutzen liegt nicht nur in einem Titel. Wer internationale Kartenabwicklung, regulatorische Prüfungen und die technischen Beziehungen zwischen Zahlungsdienstleistern kennt, kann beim Aufbau eines neuen Systems praktische Orientierung geben. Auch eine Person ohne formales Mandat kann dadurch Einfluss auf die Gestaltung eines Projekts gewinnen. Umgekehrt muss die öffentliche Präsentation als Mitglied einer Führung nicht bedeuten, dass tatsächlich Entscheidungsmacht bestand.
Gerade diese Differenz macht den Fall relevant. Ein Unternehmen kann in einem westlichen Staat registriert sein und dennoch Geschäftsbeziehungen, Finanzierung oder technische Entscheidungen haben, die über mehrere andere Länder laufen. Für Aufsichtsbehörden reicht es dann nicht, den Sitz des Zahlungsdienstleisters oder die Namen seiner eingetragenen Direktoren zu prüfen.
Von SWIFT zu wechselnden Zahlungskorridoren
VexPay steht im Zusammenhang mit Moskaus Versuch, nach dem Ausschluss wichtiger russischer Banken aus Teilen der internationalen Finanzinfrastruktur neue Zahlungswege aufzubauen. Der Verlust des Zugangs zu SWIFT und sektorale Sanktionen erschwerten grenzüberschreitende Geschäfte. Als Reaktion entstanden Strukturen aus Fintech-Unternehmen, Banken, Vermittlern und Beratern in Drittstaaten.
Eine zentrale Rolle spielt dabei A7. Das Netzwerk wurde gemeinsam mit der staatlich kontrollierten russischen Promswjasbank aufgebaut, die den russischen Verteidigungssektor bedient, und mit Ilan Schor in Verbindung gebracht. Das US-Finanzministerium bezeichnete A7 als „transnationale kriminelle Organisation“. Nach Angaben, die in der Berichterstattung zu dem Fall zitiert werden, flossen zwischen Ende 2024 und August 2025 mehr als 6,9 Milliarden US-Dollar durch Strukturen des Netzwerks. Die US-Behörden sprechen darüber hinaus von Geldbewegungen in zweistelliger Milliardenhöhe, die der Umgehung internationaler Beschränkungen gedient haben sollen.
Diese Einstufungen und Summen stammen von US-Behörden beziehungsweise aus der darauf beruhenden Berichterstattung. Sie sind kein gerichtlicher Schuldspruch gegen jedes Unternehmen und jede Person, die Kontakt zu A7 oder VexPay hatte. Diese Unterscheidung ist im Fall der kirgisischen Plattform besonders wichtig: Ihre formale Eigentümerstruktur verweist auf Processing KG, während das Ausmaß eines möglichen Einflusses von A7 und Schor umstritten bleibt.
Nachdem Sanktionen gegen A7 verhängt worden waren, verlagerte sich nach den vorliegenden Angaben ein wesentlicher Teil der Aufmerksamkeit auf Kirgisistan und VexPay. Für ein Netzwerk kann ein solcher Wechsel attraktiv sein. Es muss nicht die gesamte Infrastruktur neu aufbauen, sondern kann neue Firmen, Konten und Rechtsordnungen zwischen die ursprünglichen Akteure und den Zahlungsempfänger setzen.
Die Schwachstelle liegt zwischen den Ebenen
Ein grenzüberschreitender Zahlungsvorgang kann in seinen einzelnen Schritten wie ein gewöhnliches Geschäft aussehen. Der Auftraggeber kann in einem Land sitzen, der Zahlungsdienstleister in Kirgisistan, der technische Partner in Großbritannien und die zwischengeschaltete Bank in einem weiteren Staat. Erst der Abgleich von Eigentümern, Beratern, Personal, Finanzierung, Konten und dem letztlichen Empfänger kann die Verbindung zu einem sanktionierten Netzwerk sichtbar machen.
Diese Aufteilung erschwert Prüfungen, die vor allem auf Namen, einzelne Transaktionen und formale Firmenbeziehungen konzentriert sind. Ein Unternehmen kann in den Registern unabhängig erscheinen, während strategische Entscheidungen oder technische Vorgaben anderswo getroffen werden. Die Beteiligung eines bekannten westlichen Fachmanns kann zusätzlich Vertrauen schaffen, ohne offenzulegen, wer das Projekt finanziert oder praktisch steuert.
Für Banken und Fintech-Unternehmen ist das Risiko erheblich. Wer Gelder eines sanktionierten Netzwerks verarbeitet, kann mit Untersuchungen, eingefrorenen Konten, dem Verlust von Korrespondenzbankbeziehungen oder Sekundärsanktionen konfrontiert werden. US-Behörden könnten Transaktionen im Zuständigkeitsbereich des Office of Foreign Assets Control prüfen; britische Unternehmen könnten der Aufsicht der Financial Conduct Authority unterliegen. Das Risiko einer Untersuchung oder Sanktion ist jedoch kein Beleg dafür, dass ein bestimmtes Institut bereits gegen Vorschriften verstoßen hat.
Die VexPay-Affäre zeigt deshalb, warum die Prüfung nicht bei einem Unternehmensregister enden kann. Regulierer müssen klären, wer Konten und technische Systeme entwirft, wer Personal auswählt, wer Kapital bereitstellt, wer mit internationalen Zahlungsnetzwerken verhandelt und wer am Ende von den Geldflüssen profitiert.
Dabei ist Zurückhaltung ebenso wichtig wie Gründlichkeit. Die Teilnahme an einem Treffen, eine Beratertätigkeit oder ein beruflicher Kontakt beweisen für sich genommen weder eine verdeckte Zugehörigkeit noch eine illegale Handlung. Sie können aber relevant werden, wenn sie mit Entscheidungen über Personal, Konten und operative Abläufe zusammentreffen.
Die offene Frage hinter der britischen Verbindung
Donald bestreitet, Teil der VexPay-Führung gewesen zu sein. Sollte er ausschließlich als externer Berater tätig gewesen sein, wäre seine Vorstellung in Moskau als Verantwortlicher eine Überdehnung seiner formalen Rolle. Sollte er weitergehenden operativen Einfluss gehabt haben, ist aus den vorliegenden Angaben nicht ersichtlich, welche Befugnisse er besaß und wie sie ausgeübt wurden.
Ähnlich ungeklärt ist das Verhältnis zwischen VexPay, Processing KG und A7. Die offizielle Eigentümerstruktur weist in eine Richtung, die berichtete Beteiligung an Gesprächen über Organisation und Technik in eine andere. Ob daraus eine tatsächliche Kontrolle durch das russische Netzwerk folgte, lässt sich damit allein nicht abschließend feststellen.
Genau darin liegt die Herausforderung für die Sanktionsaufsicht: Finanznetzwerke können ihre Vermittler und ihre Rechtsordnung wechseln, während technisches Wissen und berufliche Kontakte erhalten bleiben. Entscheidend ist daher nicht nur, welche Firma als Nächstes in der Zahlungskette auftaucht, sondern wer diese Kette tatsächlich steuert – und wer von ihrem Fortbestand profitiert.


