Mehr als 50 russische Unternehmen könnten bis zum Ende des Jahres 2026 mit ihren Anleihen ausfallen. Sollte diese Prognose eintreffen, wäre das der höchste Stand seit 17 Jahren – und läge über den Spitzenwerten der Krisenjahre 2014 und 2015.
Hinter der möglichen Rekordzahl steht ein schrittweise verschärftes Finanzierungsproblem: Unternehmen müssen fällige Schulden ersetzen, während die Zinsen hoch bleiben und das Wirtschaftswachstum nachlässt. Was zunächst vor allem kleine Emittenten mit riskanten Hochzinsanleihen traf, erreicht inzwischen auch größere Firmen.
Über die erwartete Entwicklung berichtete Izvestija am 6. Oktober 2026. Die verfügbaren Zahlen zeigen bislang noch keine systemische Finanzkrise. Sie weisen jedoch auf eine wachsende Belastung für Unternehmen, Banken und den russischen Anleihemarkt hin.
Aus einer Verspätung wird ein Zahlungsausfall
Die Ratingagentur Nationale Kreditratings registrierte von Januar bis September 2026 mehr als 500 Ereignisse, die als Zahlungsausfall oder technischer Zahlungsausfall eingestuft wurden. Diese Zahl entspricht nicht 500 verschiedenen Unternehmen. Mindestens 30 einzelne Emittenten versäumten Zahlungen; 20 Organisationen gerieten erstmals in einen technischen Zahlungsausfall.
Der Unterschied ist für die Bewertung der Lage entscheidend. Nach dem festgelegten Zahlungstermin bleiben einem Unternehmen zehn Tage, um das erforderliche Geld aufzubringen. Gelingt die Zahlung innerhalb dieser Frist, bleibt der Vorgang technisch. Wird auch danach nicht gezahlt, wird daraus ein vollständiger Zahlungsausfall. Von den 20 Unternehmen mit einem erstmaligen technischen Ausfall konnten 17 ihre Verpflichtungen innerhalb der Nachfrist nicht erfüllen.
Auch die finanziellen Summen sind gewachsen. Der überfällige Schuldenbetrag erreichte bis September 2026 insgesamt 41 Milliarden Rubel, nach 34 Milliarden Rubel im Jahr 2025. Der Anteil ausgefallener Wertpapiere am russischen Markt für Unternehmensanleihen stieg von 0,69 Prozent im vergangenen Jahr auf 1,77 Prozent im August 2026. Damit hat er sich nahezu verdreifacht.
Die Ratingagentur ACRA schätzt, dass der Anteil problematischer Emittenten bis zum Jahresende in die Nähe von fünf Prozent kommen könnte. Diese Marke gilt als mögliche Schwelle, ab der nicht mehr nur einzelne Firmen scheitern, sondern von einer breiten Ausfallwelle gesprochen werden kann. Der Wert ist allerdings eine Prognose und bislang nicht erreicht.
Der Zinsdruck wächst über Jahre
Die aktuelle Verschärfung entstand nicht innerhalb weniger Wochen. Nachdem die Inflation in Russland deutlich gestiegen war, hob die Bank Russlands ihren Leitzins bis Ende 2024 auf 21 Prozent an. Das verteuerte sowohl die Bedienung bestehender Schulden als auch die Aufnahme neuer Kredite.
Besonders anfällig sind Unternehmen, die fällige Anleihen regelmäßig durch neue Anleihen ersetzen müssen. Dieses Modell funktioniert, solange eine Anschlussfinanzierung zu tragbaren Kosten möglich ist. Bei dauerhaft hohen Zinsen kann die neue Ausgabe jedoch so teuer werden, dass ein immer größerer Teil der laufenden Einnahmen für Zinsen verwendet werden muss.
Ein hoch verschuldeter Betrieb steht dann vor mehreren schlechten Optionen: Er kann die höheren Finanzierungskosten akzeptieren, die alte Schuld aus der eigenen Liquidität zurückzahlen oder mit den Gläubigern verhandeln. Unternehmen mit geringen Margen und schmalen Rücklagen haben oft nicht genügend Geld für eine dieser Lösungen.
Die erwartete wirtschaftliche Abkühlung verschärft diese Rechnung. Für das russische Bruttoinlandsprodukt wird ein Wachstum von etwa 0,5 Prozent vorausgesagt. Wenn Umsätze und Gewinne langsamer wachsen, steht weniger zusätzlicher Cashflow für den Schuldendienst zur Verfügung – genau in dem Moment, in dem die Zinslast besonders stark steigt.
Eine spätere Senkung des Leitzinses würde die bereits angeschlagenen Bilanzen nicht automatisch reparieren. Sie könnte neue Kredite verbilligen, würde aber weder die aufgelaufenen Schulden noch die in den vergangenen Jahren gezahlten Zinsen beseitigen. Für Unternehmen, die ihre Liquiditätsreserven bereits aufgebraucht haben, könnte eine geldpolitische Entlastung deshalb zu spät kommen.
Die Ausfälle verlassen das Hochzinssegment
Die stärksten Belastungen zeigen sich bislang bei Hochzinsanleihen kleiner und niedrig bewerteter Unternehmen. Zu den genannten Emittenten zählen Global Factoring Network Rus, Chistaya Planeta und Kuzina. Diese Firmen müssen wegen ihres höheren Risikos ohnehin besonders hohe Zinsen zahlen und verfügen meist über weniger Reserven, um steigende Finanzierungskosten abzufedern.
Die Fälle des Jahres 2026 reichen jedoch über diesen riskanten Marktbereich hinaus. Die Tankstellenkette EuroTrans geriet bei sämtlichen Anleiheemissionen im Gesamtwert von 27,1 Milliarden Rubel in einen tatsächlichen Zahlungsausfall. Die Probleme traten vor dem Hintergrund der Festnahme von Führungskräften auf. Aus den vorliegenden Angaben lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Festnahmen allein die Zahlungsausfälle verursacht haben.
Auch der Immobilienentwickler Samolet erfüllte eine Verpflichtung bei Fälligkeit nicht vollständig. Das Unternehmen überwies 670 Millionen Rubel, obwohl 2,5 Milliarden Rubel erforderlich gewesen wären. Der Vorgang wurde als technischer Zahlungsausfall eingestuft. Er zeigt, dass ein Unternehmen seinen Betrieb fortsetzen und dennoch bei einer konkreten Fälligkeit nicht über genügend sofort verfügbare Mittel verfügen kann.
Für Investoren ist diese Verschiebung bedeutsam. Wenn Zahlungsausfälle auf kleine, spekulative Emittenten begrenzt bleiben, können sie weitgehend in einem besonders riskanten Teil des Marktes konzentriert bleiben. Geraten jedoch auch größere Unternehmen aus dem Kraftstoff- und Bausektor bei der Refinanzierung unter Druck, müssen Kreditgeber die Risiken in einem deutlich breiteren Kreis von Schuldnern neu bewerten.
Wie aus Unternehmensausfällen ein Bankenproblem werden kann
Der Druck endet nicht zwangsläufig bei den Anleihegläubigern. Russische Banken halten Unternehmensanleihen direkt oder über Anlageprodukte. Steigt die Zahl der Zahlungsausfälle weiter, müssen sie möglicherweise höhere Rückstellungen für drohende Verluste bilden.
Das verringert den Spielraum für neue Kredite. Unternehmen erhalten dann schwerer Geld für Investitionen, Expansion oder die Ablösung fälliger Schulden. So kann ein Rückkopplungseffekt entstehen: Hohe Zinsen schwächen die Schuldner, deren Ausfälle belasten die Banken, und eine vorsichtigere Kreditvergabe nimmt den Unternehmen eine weitere Refinanzierungsquelle.
Ein größerer Anteil problematischer Anleihen könnte zudem die Kosten der Finanzierung für den gesamten Markt erhöhen. Banken und Investoren würden bei neuen Emissionen höhere Risikozuschläge verlangen oder sich aus besonders anfälligen Segmenten zurückziehen. Für Unternehmen mit geringer Kreditwürdigkeit würde die Suche nach frischem Geld damit noch schwieriger.
Die bisherigen Zahlen belegen noch keine systemische Bankenkrise. Die von ACRA genannte Schwelle von fünf Prozent ist eine Schätzung und wurde bislang nicht erreicht. Auch die mehr als 500 registrierten Ereignisse sind nicht mit ebenso vielen gescheiterten Unternehmen gleichzusetzen.
Die Richtung der Entwicklung ist dennoch klar: Der überfällige Schuldenbetrag steigt, der Anteil problematischer Anleihen wächst und technische Zahlungsausfälle werden häufig zu vollständigen Ausfällen. Die entscheidende Frage für den weiteren Jahresverlauf ist deshalb, ob die Belastung auf hoch verschuldete und niedrig bewertete Emittenten begrenzt bleibt – oder ob teure Refinanzierung und schwaches Wachstum weitere Teile der russischen Unternehmenswirtschaft erfassen.


