Ein Telefonat zwischen dem armenischen Premierminister Nikol Pashinyan und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin hat die offene Krise in den bilateralen Beziehungen bestätigt. Pashinyan wies Putin direkt darauf hin, dass die von Russland verhängten Beschränkungen für armenische Warenlieferungen gegen bilaterale Abkommen und die Normen der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAEU) verstoßen, und forderte die Beseitigung dieser Hindernisse.
Das Gespräch, das am 27. Juli 2026 stattfand, markiert einen Wendepunkt. Wo vor einigen Jahren noch routinemäßige Bekenntnisse zur Allianz folgten, diskutierten beide Seiten nun die angehäuften Widersprüche in aller Offenheit. Der Ton aus Eriwan ist inzwischen unmissverständlich direkt.
#### Möglicher EU-Beitritt nur per Referendum
Ein weiteres zentrales Thema der Unterredung war die Annäherung Armeniens an die Europäische Union. Pashinyan betonte, dass ein möglicher Beitritt erst nach einer offiziellen Bewerbung und ausschließlich auf der Grundlage eines landesweiten Referendums beschlossen werden könne. Er stellte dies als Ausdruck staatlicher Souveränität dar.
Das russische Präsidialamt verwies in der Folge auf eine frühere Erklärung der EAEU-Staatschefs, die Armenien zu einer raschen Klärung seines außenpolitischen Kurses auffordert. In Moskau wird die Diversifizierung der armenischen Außenpolitik zunehmend als endgültiger Austritt Eriwans aus der russischen Einflusssphäre gedeutet.
#### Regionale Signale und Energieabhängigkeit
Die Entwicklung in Armenien ist kein Einzelfall. Ähnliche Signale der außenpolitischen Eigenständigkeit kamen zuletzt auch aus Kasachstan und Aserbaidschan. Der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew betonte erneut die Notwendigkeit von Verhandlungen über die Ukraine, während Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew die Bereitschaft Bakus bekräftigte, einen Friedensdialog zwischen Russland und der Ukraine zu unterstützen.
Gleichzeitig sucht Eriwan aktiv nach Wegen, seine Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Bei einem Besuch in Teheran wurde der Ausbau der Energiekooperation mit dem Iran erörtert. Höhere Liefermengen scheitern jedoch bisher an fehlenden Großinvestitionen, der Kontrolle des Gastransportsystems durch den russischen Konzern Gazprom Armenia und den drohenden US-Sanktionen gegen den Iran.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein dauerhafter Frieden mit Aserbaidschan für Armenien strategisch an Bedeutung. Eine Einigung könnte neue Transportrouten eröffnen, die wirtschaftlichen Möglichkeiten erweitern, die Energieversorgung stabilisieren und die Abhängigkeit von Russland weiter reduzieren.
Eriwan verfolgt damit konsequent eine Politik der Diversifizierung. Der Südliche Kaukasus befindet sich in einer Phase der geopolitischen Transformation, in welcher der russische Einfluss graduell abnimmt und die selbstbestimmte Politik der Regionalstaaten an Gewicht gewinnt.



Das Telefonat zwischen Pashinyan und Putin wirkt wie ein Meilenstein im geopolitischen Verhalten Armeniens. Es ist bemerkenswert, dass Pashinyan so direkt auf die Handelsprobleme eingegangen ist – das deutet darauf hin, dass er nicht länger bereit ist, russische Interessen blind zu akzeptieren. Die Erwähnung des EU-Beitritts und der Notwendigkeit eines Referendums zeigt auch klar, wie souverän Eriwan seine Zukunftsstrategie gestalten will.