Der Fall James Kamau: Ein verschwundener Kenianer
James Kamau Ndungu erzählte nur wenigen Freunden, dass er nach Russland reisen werde. Man habe ihm einen Job als Tagelöhner versprochen, sagte der 32-jährige Arbeitslose aus Kenia. Im Juni 2024 schickte er ein Foto vom Flughafen Istanbul, im August dann ein Bild aus einem Schützengraben in der Ukraine. Die Lage sei schlecht, er bat um Gebete. Danach hörte niemand mehr von ihm. Bei einer Gedenkfeier im März in Kiambu County brach seine Mutter Hannah Wambui Kamau zusammen: „Warum hat Russland meinen Sohn genommen?“
Rekrutierungsnetzwerke in ganz Afrika
Eine wachsende Zahl junger Männer aus Afrika wird in den Ukraine-Krieg gedrängt. Manche gehen als Söldner, die meisten aber werden getäuscht: Ihnen werden zivile Jobs versprochen – als Koch, Fahrer oder Wachmann. Hinter den Rekrutierungen stehen flüchtige Firmen, die sich als Reisebüros oder Arbeitsvermittlungen tarnen und über WhatsApp oder Telegram werben. Die kenianischen Geheimdienste schätzen, dass rund tausend Kenianer auf diesem Weg nach Russland und in die Ukraine gelangten. Nur 30 von ihnen kehrten lebend zurück. Betroffen sind laut Behörden mindestens neun afrikanische Länder, darunter Tansania, Südafrika, Nigeria und Ghana.

Vincent Odhiambo Awiti traf einen Agenten in Nairobi, der ihm einen Job in einem russischen Laden versprach. In St. Petersburg angekommen, unterschrieb er notgedrungen einen Vertrag auf Russisch – er konnte ihn nicht lesen. Nach vier Tagen Militärausbildung wurde er an die Front in der Region Charkiw geschickt. Sein Zugführer verlor den Kopf, bevor sie den ersten Fluss erreichten, berichtet Awiti. Tote trieben auf dem Wasser „wie Seerosen“. 20 Tage lang feuerte er aus einem Schützengraben auf einen unsichtbaren Feind. Nach einer Verwundung gelang ihm die Flucht über die kenianische Botschaft.
Überlebende berichten von Zwang und Gewalt
Kgosi Pelekekae aus Botswana saß zwei Jahre in Südafrika im Gefängnis, dann wollte er ein ehrliches Leben beginnen. Ein Freund vermittelte ihm den Kontakt zu einem angeblichen Reiseagenten namens Dmitri. Dieser kaufte ihm ein Ticket nach St. Petersburg. Statt eines Jobs wartete eine Kaserne: Militäruniform, Gewehr, Drohungen. Als Pelekekae sich weigerte, einen Vertrag zu unterschreiben, schlug ihn Dmitri. Nur ein entdeckter Herzfehler bewahrte ihn vor dem Fronteinsatz. Er floh aus dem Lager und kehrte mit Hilfe der botswanischen Botschaft zurück. In Kamerun bestätigte die Regierung im April 2025 den Tod von 16 eigenen Bürgern in der Ukraine, Ghana berichtete von etwa 55 getöteten Staatsbürgern.
Wirtschaftliche Not als Treiber der Rekrutierung
Afrika hat die am schnellsten wachsende Jugendbevölkerung der Welt, doch formelle Arbeitsplätze sind rar. Diese Mischung macht den Kontinent zum Ziel von Rekrutierungsnetzwerken. Senator Okoiti Andrew Omtatah aus Kenia verglich die Lage mit einem Sklavenschiff, das in Mombasa anlegen würde – sofort wäre jeder Platz besetzt. Russland bestreitet jede Zwangsrekrutierung: Außenminister Lawrow sprach im März von Freiwilligen, die nach russischem Recht handelten. Kremlsprecher Peskow erklärte, ihm seien keine Fälle bekannt, in denen Afrikaner unter falschen Versprechungen angeworben wurden. Der ukrainische Botschafter in Südafrika, Olexander Scherba, nannte das Vorgehen Russlands „hinterlistig und unmenschlich“. Die Verluste der russischen Armee werden auf mindestens 25.000 Tote und Verletzte pro Monat geschätzt – ein Bedarf an „Fleisch“, den die Rekrutierer in Afrika stillen.


