Die russische Forstindustrie steht vor einer existenziellen Krise. Branchenvertreter aus der Region Archangelsk warnen vor einer massiven Pleitewelle und appellieren an die Regierung in Moskau, um durch drastische Maßnahmen einen kompletten Kollaps zu verhindern. Nach Angaben von Marktteilnehmern haben selbst große Unternehmen ihren finanziellen Spielraum ausgeschöpft und operieren nur noch mit Verlusten, was zu steigenden Steuerschulden und anderen Verbindlichkeiten führt.
Die alarmierenden Signale erreichen die Regierungsspitze zeitgleich mit offiziellen Statistiken, die einen tiefen Einbruch dokumentieren. Demnach verzeichnete der Sektor Forstwirtschaft und Holzeinschlag im Jahr 2025 einen Gesamtverlust von 2,2 Milliarden Rubel – ein dramatischer Umschwung gegenüber einem kombinierten Gewinn von 3,2 Milliarden im Vorjahr. Der Anteil defizitär operierender Betriebe kletterte auf 45 Prozent.
Branchenappell an die Regierung
In einem dringlichen Schreiben an Vizepremier Denis Manturov fordern Vertreter der nordrussischen Holzindustrie ein dreijähriges Moratorium für Insolvenzanträge von Gläubigerseite. Zusätzlich bitten sie um einen Aufschub für die Begleichung von Steuerschulden und anderen obligatorischen Abgaben um mindestens drei Jahre, verbunden mit einer späteren Ratenzahlung. Steuerforderungen, die bis zum 1. Januar 2026 entstanden sind, sollen nach ihrem Willen komplett erlassen werden. Die Branche argumentiert, dass selbst etablierte Akteure ihre „Widerstandsfähigkeit erschöpft“ haben und nun ums Überleben kämpfen.
Absturz nach Exporteinbruch
Die finanzielle Schieflage ist laut Industriekreisen eine direkte Folge geopolitischer Verwerfungen. Nach dem Wegbrechen traditioneller europäischer Absatzmärkte infolge internationaler Sanktionen muss die russische Holzproduktion mit deutlich geringeren Margen nach China exportiert werden. Gleichzeitig steigen die internen Transporttarife und die steuerliche Belastung kontinuierlich an. Laut einer Analyse der Marktlage wurde die staatliche Unterstützung für Exportsubventionen innerhalb weniger Jahre von 7,6 Milliarden Rubel auf lediglich 550 Millionen im aktuellen Haushalt gekürzt. Auch die Förderung für Seetransporte aus Häfen im Nordwesten wurde eingestellt.
Existenzängste und düstere Prognosen
Die Geschäftsführung eines der größten Forstunternehmen im Nordwesten Russlands beschreibt die Lage als endgültig am „Tiefpunkt“ angelangt. Diese Erkenntnis werde jedoch als „gut“ bewertet, da es nun „nicht mehr weiter nach unten“ gehen könne. Seine Prognose ist dennoch verheerend: Bis Ende 2026 könnte jedes zweite Unternehmen im Forstsektor vom Markt verschwinden, inklusive bedeutender Produzenten. Unternehmen, die bereits Steuerrückstände haben, sehen sich mit exorbitanten Strafzahlungen konfrontiert und werden zur Kostentragung für Gerichtsvollzieher verpflichtet – ein finaler Schlag für finanziell bereits angeschlagene Betriebe. Die Branche beziffert ihren kumulierten Schaden der letzten drei Jahre auf über 15 Milliarden Rubel und steht vor einer ungewissen Zukunft.


