Sexarbeit in der Steiermark: Manuela Chandler über Selbstbestimmung und Unterstützung

September 4, 2025 13:13
Sexarbeit in der Steiermark: Manuela Chandler über Selbstbestimmung und Unterstützung

Anlässlich des Welttags der sexuellen Gesundheit zeigt Manuela Chandler von der steirischen Beratungsstelle „SXA“ die Arbeits- und Lebensrealität von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern in der Steiermark auf und unterstreicht die Notwendigkeit von Unterstützung gegenüber moralischen Bewertungen. Darüber berichtet Welt Stimme.

STEIERMARK. Sexarbeit ist ein häufig tabuisiertes Thema, das oft mit Zwang und Ausbeutung assoziiert wird. Manuela Chandler von der steirischen Beratungsstelle „SXA“ erklärt jedoch: „Sexarbeit ist eine legale Tätigkeit – die Personen entscheiden selbst, welche Leistungen sie anbieten und zu welchem Preis.“ Seit 2009 unterstützt die Anlaufstelle bei Frauenservice Graz Sexarbeitende unabhängig von moralischen Bewertungen. Die Finanzierung erfolgt durch das Frauenministerium sowie das Land Steiermark und die Stadt Graz. „Unser Ziel ist es, die Sexarbeitenden zu unterstützen, damit sie ihre Arbeit sicher und unabhängig ausüben können“, betont Chandler im Interview.

Vielfältige Lebensrealitäten

In der Steiermark gibt es keine offiziellen Zahlen zur Sexarbeit, da die Betroffenen häufig zwischen Betrieben und Städten wechseln. Chandler schätzt, dass etwa 700 Personen in rund 70 genehmigten Bordellbetrieben arbeiten, wobei die Mehrheit Frauen sind. Etwa 90 bis 95 Prozent dieser Sexarbeitenden haben einen Migrationshintergrund, wobei die größte Gruppe aus Rumänien stammt, gefolgt von Ungarn und einigen spanischsprachigen Ländern wie der Dominikanischen Republik.

Gesetzliche Regelung von Sexarbeit

Das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen ist in Österreich grundsätzlich legal. Sexdienstleisterinnen und -dienstleister werden sozialversicherungsrechtlich als Neue Selbständige betrachtet. Sie müssen sich auch einer Eingangs- und Kontrolluntersuchung auf sexuell übertragbare Infektionen alle sechs Wochen unterziehen. Altersgrenzen und Arbeitsbedingungen variieren je nach Bundesland.

Chandler erklärt: „Oft kommt die Frage, ‚wer will das schon freiwillig machen?‘. Viele entscheiden sich bewusst dafür, weil sie flexibel arbeiten können und schnell Geld brauchen. Andere sehen es als Sprungbrett in ein anderes Leben.“ Das Spektrum der Sexarbeitenden reicht von Studierenden bis hin zu Alleinerziehenden und Personen mit begrenztem Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele arbeiten temporär in Österreich, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen und gewinnen durch die Sexarbeit eine gewisse Unabhängigkeit.

„Legale Sexarbeit bietet Schutz“

Es gebe zwar Fälle von Ausbeutung und Gewalt, jedoch seien diese ein Thema des Strafrechts und nicht der Sexarbeit selbst. „Illegale Sexarbeit stellt ein zunehmend großes Problem dar, wie uns die Polizei immer wieder berichtet“, fügt Chandler hinzu. Diese Problematik hat sich insbesondere während der Corona-Pandemie verschärft, als körpernahe Dienstleistungen für längere Zeit verboten waren.

Ein „Kaufverbot für sexuelle Dienstleistungen“, wie in Schweden praktiziert, wird von verschiedenen Seiten gefordert. Experten betrachten diese Forderung jedoch als den falschen Weg: „Ein legaler Markt ermöglicht dem Staat Einfluss auf Arbeitsbedingungen zu nehmen und mögliche Opfer von sexueller Gewalt besser zu unterstützen“, so eine offizielle Erklärung des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung. Chandler ist überzeugt, dass „eine legale und gut regulierte Sexarbeit Schutz bietet.“

Feministische Perspektiven

Die Haltung zur Sexarbeit ist auch innerhalb feministischer Kreise umstritten. Für Chandler steht jedoch die Achtung der Entscheidungen der Sexarbeitenden im Mittelpunkt, solange diese freiwillig getroffen werden: „Sexarbeit ist nicht per se patriarchale Ausbeutung. Sie kann eine Möglichkeit sein, patriarchale Abhängigkeiten zu durchbrechen.“ Es sei wichtig, die Stimmen der Frauen ernst zu nehmen, die sich bewusst für diesen Weg entscheiden und sie zu schützen, anstatt ihnen ihre Entscheidung abzusprechen.

Die SXA-Info unterstützt Sexarbeitende auch beim Ausstieg. Niemand soll in der Branche bleiben müssen, wenn er oder sie das nicht möchte. Chandler fordert, dass politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Frauen davor zu bewahren, in Situationen gedrängt zu werden, in denen Sexarbeit als „beste Option“ erscheint. Gleichzeitig müsse der Schutz derjenigen, die sich für diesen Lebensweg entscheiden, gewährleistet werden. „Beim Schutz vor Gewalt sind sich Feministinnen einig.“

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