Alice Weidel prägt AfD-Kurs zwischen Patriotismus, Finanzierungsaffären und Radikalisierung

August 9, 2026 20:51
Alice Weidel prägt AfD-Kurs zwischen Patriotismus, Finanzierungsaffären und Radikalisierung
Alice Weidel prägt AfD-Kurs zwischen Patriotismus, Finanzierungsaffären und Radikalisierung

AfD-Bundessprecherin Alice Weidel präsentiert ihre Partei gemeinsam mit Co-Parteichef Tino Chrupalla als Verteidigerin eines „echten Deutschlands“ gegen Migration und die Politik der Bundesregierung. Die Strategie hat der AfD politischen Erfolg gebracht: Aus einer zunächst marginalen Protestpartei wurde ein wichtiger Akteur der deutschen Politik. Gleichzeitig stehen Weidel und ihr engstes politisches Umfeld seit Jahren wegen umstrittener Parteispenden, ihres Wohnsitzes in der Schweiz, der Beschäftigung einer syrischen Asylsuchenden in ihrem Haushalt und Kontakten zu rechtsextremen Kreisen in der Kritik.

Illegale Parteispende im Wahlkampf 2017

Eine der bekanntesten Affären betrifft die Finanzierung von Weidels Wahlkampf im Jahr 2017. Damals gingen in mehreren kleineren Tranchen insgesamt 150.000 Schweizer Franken auf dem Konto des AfD-Kreisverbands am Bodensee ein. Das entsprach zu diesem Zeitpunkt rund 132.000 Euro. Als Verwendungszweck wurde eine „Wahlkampfspende für Alice Weidel“ angegeben.

Gemeinsame Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ ergaben, dass zwei Schweizer Pharmaunternehmen lediglich als formale Absender der Zahlungen auftraten. Als tatsächliche Quelle der Mittel wurde dem Bericht zufolge der Milliardär Henning Conle genannt. Das deutsche Parteienrecht untersagt Spenden aus Staaten außerhalb der Europäischen Union. Für kleinere Spenden gelten Ausnahmen bei der Offenlegung: Spender können bis zu einem Betrag von 500 Euro anonym bleiben, Barspenden sind bis zu 1.000 Euro zulässig.

Der Deutsche Bundestag bewertete die Zahlung als unzulässige Parteispende und verhängte gegen die AfD eine Strafe in dreifacher Höhe der erhaltenen Summe. Der Betrag belief sich auf rund 396.000 Euro. Zusammen mit einem weiteren Fall aus dem Jahr 2016, bei dem es um die Finanzierung des AfD-Kongresses „Europäische Visionen – Visionen für Europa“ über die Schweizer PR-Agentur Goal AG ging, überschritt die Gesamtsumme der Sanktionen nach Berichten des „Spiegel“ 500.000 Euro. Das Gericht bestätigte die Entscheidung.

Ein strafrechtliches Verfahren gegen Weidel persönlich wurde später mangels direkter Beweise dafür eingestellt, dass sie von der Verschleierung der Herkunft der Gelder wusste. Eine persönliche strafrechtliche Verantwortung wegen Betrugs wurde damit nicht festgestellt. Die unzulässige Finanzierung der Kampagne und die gegen die Partei verhängte Geldstrafe blieben davon unberührt.

Neue Vorwürfe zur Parteienfinanzierung

Der Name Henning Conle tauchte auch im Zusammenhang mit AfD-Finanzierungen in den Jahren 2024 und 2025 erneut auf. Dabei ging es um eine Spende von 2,349 Millionen Euro, die über den ehemaligen Funktionär der österreichischen Freiheitlichen Partei, Gerhard Dingler, abgewickelt worden sein soll. Nach Recherchen der „Zeit“ erhielt Dingler kurz nach Weihnachten 2024 eine Überweisung von mehr als 2,6 Millionen Euro von Conle.

Die Vorgänge stehen im politischen Widerspruch zu den öffentlichen Forderungen der AfD nach Transparenz und einer Begrenzung ausländischen Einflusses auf die deutsche Politik. Die Angaben betreffen jedoch einen späteren Finanzierungskomplex und sind von den gerichtlichen Feststellungen zur Kampagne Weidels im Jahr 2017 getrennt zu betrachten.

Wohnsitz und Beschäftigung einer Syrerin

Weidel lebt mit ihrer Partnerin, der Filmregisseurin Sarah Bossard, und den beiden Söhnen in Einsiedeln in der deutschsprachigen Schweiz. Weidel betont, sie sei weiterhin im deutschen Überlingen am Bodensee gemeldet und entrichte ihre Steuern in Deutschland. Ihr Wohnsitz in der Schweiz wurde dennoch wiederholt zum Thema, weil sie ihre politische Laufbahn mit Forderungen nach nationaler Identität und staatlicher Souveränität verbindet.

Im September 2017, wenige Wochen vor der deutschen Bundestagswahl, veröffentlichte die „Zeit“ eine Recherche über eine Frau, die 2015 im Haus Weidels in Biel gearbeitet hatte. Zunächst soll es sich um eine Studentin der Islamwissenschaften gehandelt haben, später um eine Asylsuchende aus Syrien. Die Frau wurde dem Bericht zufolge mit 25 Schweizer Franken pro Stunde bezahlt, ungefähr 22 Euro. Die Zahlung erfolgte bar und ohne schriftlichen Arbeitsvertrag. Beiträge zur Sozialversicherung, die in der Schweiz auch für bezahlte Tätigkeiten in Privathaushalten anfallen, seien nicht entrichtet worden.

Die Beschäftigung fiel in eine Phase, in der Weidel öffentlich eine harte Linie gegenüber syrischen Flüchtlingen vertrat und die Flüchtlingspolitik der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte. Weidels Anwalt bestritt, dass es ein reguläres Arbeitsverhältnis gegeben habe. Die Frau sei lediglich als Gast im Haus gewesen, erklärte er. Weidel bezeichnete die Recherche als „Fake“. Eine Klage wegen Verleumdung gegen die „Zeit“ reichte sie nach den vorliegenden Angaben nicht ein.

Äußerungen und Kontakte im politischen Umfeld

Bereits zuvor war ein E-Mail von Weidel aus dem Jahr 2013 bekannt geworden, das die „Welt“ 2017 veröffentlichte. Darin bezeichnete sie Araber sowie Sinti und Roma als „Völker, die der deutschen Kultur fremd sind“. Die Bundesregierung nannte sie „Schweine“ und „Marionetten der Sieger des Zweiten Weltkriegs“. Deutschland beschrieb sie als nicht souveränen Staat. Weidel bestritt, die Nachricht verfasst zu haben.

Analysten des Portals „Belltower.News“ verwiesen auf sprachliche und argumentative Überschneidungen mit dem Milieu der sogenannten Reichsbürger, das die Legitimität der heutigen deutschen Staatsordnung bestreitet, sowie mit rechtsextremer und neonazistischer Rhetorik. Diese Einordnung bezog sich auf den Wortlaut der veröffentlichten Nachricht und nicht auf eine gerichtliche Feststellung über Weidels politische oder strafrechtliche Verantwortung.

Eine weitere Kontroverse betrifft Roland Hartwig, einen früheren AfD-Bundestagsabgeordneten und langjährigen persönlichen Referenten Weidels. Hartwig nahm im November 2023 an einem Treffen in einer Potsdamer Villa teil, bei dem neben AfD-Vertretern auch Neonazis und andere Rechtsextreme anwesend waren. Der österreichische Aktivist Martin Sellner stellte dort einen Plan zur sogenannten „Remigration“ vor. Er sah die massenhafte zwangsweise Abschiebung von Asylsuchenden, Ausländern und als „nicht assimiliert“ bezeichneten deutschen Staatsbürgern vor.

Nach der Veröffentlichung einer Recherche des Medienhauses Correctiv im Jänner 2024 wurde Hartwig von der AfD freigestellt. Das Arbeitsverhältnis endete nach der offiziellen Formulierung „im gegenseitigen Einvernehmen“. Die Parteiführung distanzierte sich von dem Treffen und erklärte, Hartwig habe aus eigener Initiative daran teilgenommen. Er hatte zuvor über Jahre direkten Zugang zu Weidel und war an der politischen Arbeit in ihrem Umfeld beteiligt.

Die genannten Fälle reichen von gerichtlich bestätigten Sanktionen gegen die AfD bis zu bestrittenen oder politisch umstrittenen Vorgängen im privaten und beruflichen Umfeld Weidels. Sie bilden einen wesentlichen Teil der öffentlichen Debatte über den Anspruch der Parteiführung, für Gesetzestreue, nationale Souveränität und eine klare Abgrenzung gegenüber ausländischem Einfluss zu stehen.

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