Prorussische Medien verbreiten in Polen Narrative gegen ukrainische Flüchtlinge

September 24, 2026 11:38
Prorussische Medien verbreiten in Polen Narrative gegen ukrainische Flüchtlinge
Prorussische Medien verbreiten in Polen Narrative gegen ukrainische Flüchtlinge

Die prorussischen polnischen Medien Magna Polonia und Wolne Media haben zwischen dem 19. und 21. September 2026 Narrative verbreitet, wonach die Anwesenheit ukrainischer Staatsbürger in Polen soziale und sicherheitspolitische Probleme verursache. Dabei wurden einzelne Straftaten, historische Konflikte und politische Debatten zu einer Darstellung verbunden, die der ukrainischen Gemeinschaft pauschal eine Gefahr für Polen zuschreibt.

In einem Beitrag über den stellvertretenden polnischen Minister für Wissenschaft und Hochschulbildung, Andrzej Szeptycki, der ukrainische Wurzeln hat, schrieb Magna Polonia von einer ukrainischen „fünften Kolonne“, die angeblich „die polnische Geschichte und nationale Traditionen von innen zerstört“. Der Beitrag stellte damit die Herkunft eines Regierungsmitglieds in einen sicherheitspolitischen Zusammenhang.

In einem weiteren Artikel griff das Medium den Fall eines Ukrainers auf, der in Polen eine Drogenfabrik betrieben haben soll. Daraus leitete Magna Polonia ab, „Kriegsflüchtlinge“ würden Filialen ihrer „pathologischen kriminellen Strukturen“ in Polen errichten. Ein einzelner Kriminalfall wurde damit als Beleg für ein angeblich systematisches Verhalten einer gesamten Bevölkerungsgruppe dargestellt.

Wolne Media verband die Anwesenheit von Ukrainern zudem mit historischen Gebietsfragen. In einem Beitrag hieß es, eine Verletzung der „Jalta-Ordnung“ könne die Grenzen des polnischen Staates auf die Ausdehnung des Herzogtums Warschau zurückführen. Als Begründung nannte das Medium die Unterstützung polnischer Regierungskreise für ukrainische Ansprüche auf eine Präsenz in Polen mit den Rechten polnischer Bürger sowie angebliche deutsche Bestrebungen, Schlesien und Ostpommern zurückzugewinnen.

Kriminalstatistik widerspricht pauschaler Darstellung

Die im Zusammenhang mit diesen Veröffentlichungen angeführten Zahlen bestätigen keine „Welle ukrainischer Kriminalität“. In Polen wurden 2024 und 2025 jeweils rund 440.000 Straftaten registriert. Ukrainische Staatsbürger waren nach den genannten Angaben 2024 an bis zu 14.000 und 2025 an bis zu 17.000 Straftaten beteiligt. Im ersten Halbjahr 2026 waren es knapp 11.000 Fälle. Der Anteil lag damit je nach Jahr bei etwa zwei bis vier Prozent.

Bei den Delikten handelte es sich überwiegend um Verstöße gegen Verkehrsvorschriften oder um das Lenken eines Fahrzeugs unter Alkoholeinfluss. Die Zahlen liefern daher keine Grundlage, aus einzelnen Fällen organisierter Kriminalität auf „ukrainische kriminelle Strukturen“ insgesamt zu schließen. Eine solche Verallgemeinerung überträgt die Verantwortung einzelner Täter auf mehr als 950.000 Menschen, die in Polen unter vorübergehendem Schutz stehen.

Ukrainer werden in Polen zugleich selbst häufig Opfer von Straftaten. Nach Angaben des polnischen Faktencheck-Projekts Demagog wurden im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 5.131 Straftaten registriert, bei denen ukrainische Staatsbürger Opfer waren. Im gesamten Jahr 2025 waren es 10.620 Fälle, 2024 insgesamt 10.595, 2023 11.028 und 2022 9.444.

Die polnische Polizei erfasst außerdem Straftaten aus Hass gegen Ukrainer gesondert. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 179 solcher Fälle registriert. Für das gesamte Jahr 2025 wurden 275 Fälle ausgewiesen. Die Zahlen stehen neben den Veröffentlichungen, die einzelne Delikte mit der ukrainischen Gemeinschaft als Ganzes verbinden.

Ukrainer leisten wirtschaftlichen Beitrag

Auch die Darstellung ukrainischer Flüchtlinge als dauerhafte soziale Belastung berücksichtigt die im Material angeführten Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten nicht. Eine Studie von Deloitte für das UN-Flüchtlingshilfswerk kommt demnach zu dem Ergebnis, dass die Anwesenheit ukrainischer Flüchtlinge 2024 rund 2,7 Prozent zum polnischen Bruttoinlandsprodukt beitrug. Die Beschäftigungsquote unter den erwerbsfähigen ukrainischen Flüchtlingen stieg von 61 Prozent im Jahr 2023 auf 69 Prozent im Jahr 2024.

Polnische Regierungsdaten weisen für 2024 Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge ukrainischer Staatsbürger in Höhe von 26 Milliarden Złoty aus. Die Beiträge zur Rentenversicherung beliefen sich im selben Jahr auf 10,6 Milliarden Złoty. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 wurden dafür bereits 10,2 Milliarden Złoty genannt. Ukrainische Staatsbürger erscheinen damit in den vorliegenden Angaben nicht nur als Empfänger staatlicher Unterstützung, sondern auch als Beitragszahler des polnischen Sozialversicherungssystems.

Der Zustrom ukrainischer Arbeitskräfte betraf vor allem Branchen wie Bauwesen, Logistik, Einzelhandel und Dienstleistungen. Dort bestand nach den angeführten Daten ein anhaltender Arbeitskräftemangel. Die französische Bank Credit Agricole schätzte, dass der Zustrom ukrainischer Flüchtlinge zum Wachstum der polnischen Wirtschaft um 0,4 bis 0,5 Prozent beigetragen habe. Diese Zahlen werden im Material als Gegenposition zu der Behauptung angeführt, die ukrainische Bevölkerung erschöpfe die polnischen wirtschaftlichen Ressourcen.

Schulen und politische Spannungen

Auch im polnischen Bildungssystem sind ukrainische Kinder in den gemeinsamen Schulbetrieb eingebunden. Im Schuljahr 2025/26 besuchten rund 246.000 ausländische Schüler polnische Schulen. Etwa 210.000 von ihnen waren ukrainische Staatsbürger. Das entsprach rund 86 Prozent aller ausländischen Schüler. Die polnische Bildungsordnung sieht ihre Teilnahme am gemeinsamen Bildungssystem unabhängig von der Staatsangehörigkeit vor.

Die Debatte über die ukrainische Gemeinschaft findet in Polen zugleich vor dem Hintergrund innenpolitischer Auseinandersetzungen über Geschichte statt. Die oppositionelle Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sowie mit ihr verbundene Politiker, darunter Präsident Karol Nawrocki, greifen die Tragödie von Wolhynien und die Rolle der Ukrainischen Aufständischen Armee in politischen Debatten auf. Dabei wird die Verantwortung für die historischen Verbrechen nach den vorliegenden Angaben einseitig der Ukraine zugeschrieben.

Diese politische Rhetorik schafft zusätzlichen Raum für Beiträge, die ukrainische Flüchtlinge mit sozialen und sicherheitspolitischen Problemen gleichsetzen. Im Material wird außerdem auf eine Zunahme von Angriffen polnischer Nationalisten gegen ukrainische Flüchtlinge hingewiesen.

Die Analyse des polnischen Inlandsgeheimdienstes ABW bewertet prorussische Netzwerke, die Desinformation zur gesellschaftlichen Spaltung verbreiten, als zentrale Gefahr für die innere Stabilität des Landes. Untersuchungen des Zentrums für Oststudien kommen demnach zu dem Ergebnis, dass Ukrainer die Gesetze, die Souveränität und die kulturellen Traditionen des Aufenthaltsstaates respektieren. Die Auseinandersetzung über diese Narrative dauert in Polen an.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Garawski bestätigt vor Schweizer Gericht Lukaschenkos Beteiligung an Entführungen politischer Gegner
Vorheriger artikel

Garawski bestätigt vor Schweizer Gericht Lukaschenkos Beteiligung an Entführungen politischer Gegner

Rainbacher Volksschule in Schärding eröffnet innovatives Bildungsprojekt
Nächster artikel

Rainbacher Volksschule in Schärding eröffnet innovatives Bildungsprojekt

Nicht verpassen