Russische Dienste haben nach Medienberichten die Desinformationskampagne „Matrjoschka“ auf Influencer der US-amerikanischen MAGA-Bewegung ausgerichtet. Ziel ist demnach, über den englischsprachigen Informationsraum in den Vereinigten Staaten Einfluss auf die bevorstehenden Wahlen in Deutschland zu nehmen, deutsche Politiker zu diskreditieren und die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) zu stärken.
Die Kampagne verbreitet englischsprachige provokative Beiträge, gefälschte Videos und manipulierte Bilder, die wie Beiträge etablierter westlicher Medien aussehen. Genannt werden unter anderem die ARD und die BBC. In den inszenierten Materialien werden deutschen Politikern unter anderem Pädophilie, Korruption, Antisemitismus und weitere Straftaten vorgeworfen. Eine Darstellung der Kampagne und ihrer Verbreitung unter MAGA-Influencern beschreibt den Einsatz solcher Inhalte im US-amerikanischen Netzwerkumfeld.
Nach Angaben von Sicherheitsdiensten nahm die Aktivität seit Juni deutlich zu. In diesem Zeitraum wurden mehr als 100 Videos festgestellt. Die Beiträge werden zunächst für ein US-amerikanisches Publikum produziert oder verbreitet. Dahinter steht der Ansatz, dass Blogger, die mit der deutschen Sprache und den politischen Verhältnissen des Landes nur begrenzt vertraut sind, die erfundenen Geschichten weitergeben. Erreichen die Vorwürfe eine ausreichende Reichweite, können deutsche Medien und Politiker zu einer Reaktion gezwungen sein.
Englischsprachiger Umweg nach Deutschland
Die Ausrichtung auf die Vereinigten Staaten unterscheidet „Matrjoschka“ von Einflussversuchen, die sich unmittelbar an die deutsche Öffentlichkeit richten. Die englischsprachige Kommunikation soll den Angaben zufolge als Zwischenschritt dienen. Inhalte werden in einer politischen Online-Community verbreitet, bevor sie über soziale Netzwerke, Medienberichte oder politische Reaktionen nach Deutschland zurückgelangen können.
Als besonders geeignet gilt dabei die Plattform X. Nach Einschätzung, die in den Berichten zur Kampagne wiedergegeben wird, haben Veränderungen im Umfeld des Netzwerks seit der Übernahme durch Elon Musk dazu beigetragen, dass bestimmte politische Gemeinschaften für die Verbreitung russischer Desinformation an Bedeutung gewonnen haben. Die Beiträge erscheinen dabei nicht zwingend als offizielle russische Kommunikation, sondern werden über Influencer und Profile verbreitet, die sich an ein politisch stark mobilisiertes US-Publikum richten.
Für die Urheber kann bereits die öffentliche Zurückweisung eines gefälschten Beitrags einen gewünschten Effekt haben. Sobald ein Vorwurf von Politikern oder etablierten Medien aufgegriffen wird, gelangt er zu einem größeren Publikum. Die Korrektur erreicht dabei nicht notwendigerweise dieselben Nutzer wie die ursprüngliche Behauptung. Die Kampagne setzt somit auf die Verbreitung der Anschuldigung selbst, unabhängig davon, ob sie später widerlegt wird.
Wahlen in mehreren deutschen Ländern
Der zeitliche Zusammenhang fällt mit einer Reihe von Wahlen im Herbst 2026 zusammen. Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Am 13. September folgen die Kommunalwahlen in Niedersachsen. Am 20. September stehen die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin an.
Die AfD hat in den Umfragen für Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern deutlich zugelegt. Dort wird sie bei ungefähr 40 Prozent gesehen. In Berlin liegt ihr Wert den vorliegenden Angaben zufolge bei rund 18 Prozent, in Niedersachsen bei 17 bis 19 Prozent. Die etablierten Parteien schließen Koalitionen mit der AfD grundsätzlich aus. Für die Regierungsbildung in mehreren Ländern werden deshalb schwierige Verhandlungen erwartet.
Die gefälschten Beiträge konzentrieren sich auf einzelne deutsche Politiker und verbinden deren Namen mit schweren Vorwürfen. Eine systematische Überprüfung der Inhalte durch die betroffenen Parteien oder die genannten Medien wird in den vorliegenden Angaben nicht im Einzelnen beschrieben. Festgehalten wird jedoch, dass die Videos den Anschein erwecken sollen, aus redaktionellen Beiträgen seriöser Sender zu stammen.
Hinweise auf Verbindungen zum russischen Geheimdienst
Internationale Cybersicherheitsexperten und Vertreter europäischer Nachrichtendienste ordnen „Matrjoschka“ einer technologisch organisierten russischen Einflussstruktur zu. Nach diesen Angaben besteht eine direkte Verbindung zu Einheiten des russischen Militärgeheimdienstes, die auf hybride und informationspsychologische Operationen spezialisiert seien. Die Kampagne wird damit als Teil eines größeren Netzes von gefälschten Videos, Deepfakes und künstlich erzeugten Fotografien beschrieben.
Inhaltlich greifen die verbreiteten Behauptungen Themen auf, die in der politischen Auseinandersetzung in Deutschland eine wichtige Rolle spielen. Dazu zählen Migration, der Vorwurf eines Versagens politischer Institutionen sowie Angriffe auf etablierte Medien und Parteien. In den vorliegenden Analysen wird außerdem auf Überschneidungen mit Positionen der AfD verwiesen. Die Partei kritisiert unter anderem Sanktionen gegen Russland, stellt die europäische Politik in Frage und verbreitet Narrative zur Migration, die auch in russischen Einflusskampagnen aufgegriffen werden.
Deutschland ist ein zentraler Mitgliedstaat der Europäischen Union und gehört zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine im Krieg gegen die russische Aggression. Nach Einschätzung der mit der Kampagne befassten Stellen richtet sich der russische Einflussversuch deshalb nicht nur auf einzelne Wahlentscheidungen. Er soll auch die politische Polarisierung in Deutschland verstärken und die Stellung proeuropäischer Kräfte schwächen. Als mögliche politische Themen werden die europäische Geschlossenheit bei den Russland-Sanktionen, die Verteidigungspolitik und die Unterstützung der Ukraine genannt.
Eine weitere internationale Recherche zur russischen Einflussoperation ordnet die Nutzung ausländischer Online-Netzwerke als Bestandteil einer breiter angelegten Strategie ein. Zu dieser Strategie werden neben Informationsmanipulationen auch Cyberangriffe, Sabotage und die Unterstützung radikaler politischer Kräfte gezählt.
Die Kampagne „Matrjoschka“ zielt damit auf eine Kette der Weiterverbreitung: von russisch gesteuerten oder unterstützten Inhalten über US-amerikanische Influencer bis in die deutsche politische und mediale Öffentlichkeit. Die nächsten größeren Prüfsteine für die deutsche Parteienlandschaft sind die Landtags-, Abgeordnetenhaus- und Kommunalwahlen im September 2026.


