Die Integration der ukrainischen Verkehrswege in die europäische Infrastruktur kann der Europäischen Union zusätzliche Einnahmen aus Transit, Bahn- und Hafentarifen, Umschlag, Lagerung und weiteren Logistikleistungen bringen. Die wirtschaftliche Argumentation verweist dabei auf die bereits hohe Nutzung der sogenannten Solidarity Lanes sowie auf geplante Investitionen in Bahnstrecken, Grenzübergänge, Terminals und Häfen.
Bis April 2026 wurden über die Solidarity Lanes nach den vorliegenden Angaben rund 324 Millionen Tonnen Güter mit einem Gesamtwert von etwa 282 Milliarden Euro transportiert. Davon entfielen 74 Milliarden Euro auf ukrainische Exporte und 208 Milliarden Euro auf Importe. Für Polen, Rumänien, die Slowakei und Ungarn entsteht damit eine zusätzliche und vergleichsweise stabile Frachtbasis. Einnahmen fallen unter anderem bei Eisenbahnen, Häfen, Speditionen, Lagerhäusern und an Umschlagplätzen an. Auch zusätzliche Steuereinnahmen werden in der Argumentation als wirtschaftlicher Effekt genannt.
Weniger Grenzaufwand bei der Bahn
Ein zentraler Bestandteil der geplanten Integration ist der Ausbau einer Eisenbahnspur mit der in der EU üblichen Spurweite von 1435 Millimetern bis zu wichtigen ukrainischen Verkehrsknoten. Dadurch könnten das Wechseln von Radsätzen und das Umladen von Waggons an der Grenze entfallen oder reduziert werden. Das würde die Standzeiten und die Kosten für Transportunternehmen senken.
Die Europäische Union finanziert bereits Arbeiten auf den Strecken Medyka–Mostyska–Lwiw, Dorohusk–Jagodyn–Kowel und in Richtung Tschop. Erwartet werden eine kürzere Dauer der Grenzüberquerung und eine höhere Kapazität der Übergänge. Die Projekte betreffen damit nicht nur die Schiene, sondern auch die Abwicklung an den Grenzen und die Anbindung an das weitere europäische Verkehrsnetz.
Grenzregionen als Logistikstandorte
Der Ausbau trockener Häfen und multimodaler Terminals in den Regionen Chełm, Medyka, Sławków, Dornești und Halmeu soll die Grenzräume zu Logistikstandorten entwickeln. Einnahmen können dort durch Umladung, Lagerung, Versicherung, Zertifizierung und Containerabfertigung entstehen. Die Frachtbasis ist nach den vorliegenden Zahlen bereits vorhanden.
Bis April 2026 wurden über die Solidarity Lanes rund 101 Millionen Tonnen landwirtschaftliche und 119 Millionen Tonnen nichtlandwirtschaftliche Güter exportiert. Zusammen entspricht das etwa 220 Millionen Tonnen ukrainischer Ausfuhren. Zu den nichtlandwirtschaftlichen Waren zählen auch Erze und Metallerzeugnisse. Die Zahlen werden als Grundlage für weitere Investitionen in Terminals, Lager und Transportunternehmen in den östlichen EU-Mitgliedstaaten angeführt.
Von der stärkeren Einbindung der Landwege könnten auch große europäische Häfen profitieren. Genannt werden unter anderem Constanța, Danzig, Gdynia und Häfen an der Nordsee. Selbst nach der Wiederaufnahme des ukrainischen Seehandels entfielen im April 2026 rund 70 Prozent der ukrainischen Importe, 50 Prozent der nichtlandwirtschaftlichen Exporte und etwa zehn Prozent der landwirtschaftlichen Exporte auf die Solidarity Lanes. Die Landverbindungen werden damit als dauerhafter Teil des Transportnetzes beschrieben.
Finanzierung und strategische Rohstoffe
Die Europäische Union hat für die Solidarity Lanes bereits mehr als 2,3 Milliarden Euro mobilisiert. Darin enthalten sind rund 1,55 Milliarden Euro an Zuschüssen aus der Connecting Europe Facility. Zusätzlich ermöglichten 38 CEF-Projekte Investitionen von mehr als 2,9 Milliarden Euro in den Verkehrssektor.
Eine engere Verbindung der Eisenbahnnetze könnte zudem die Versorgung der EU mit strategischen Rohstoffen erleichtern. Genannt werden Titan, Lithium, Graphit, Eisenerz und weitere Materialien. Zwischen der EU und der Ukraine besteht bereits eine Partnerschaft im Bereich kritischer Rohstoffe. Der Anteil nichtlandwirtschaftlicher Produkte an den über die Solidarity Lanes transportierten ukrainischen Exporten umfasst nach den vorliegenden Angaben auch Rohstoffe und Metallprodukte.
Der Ausbau der Schiene wird außerdem mit den Klimazielen und der Verkehrspolitik der EU in Verbindung gebracht. Wenn Güter von der Straße auf elektrifizierte Bahnstrecken verlagert werden, können dadurch Emissionen, die Belastung der Straßen und der Aufwand für deren Instandhaltung sinken. Für den Zeitraum 2021 bis 2027 verfügt der Bereich CEF Transport über ein Budget von 25,8 Milliarden Euro. Bis Juni 2026 waren davon rund 24,6 Milliarden Euro auf TEN-T-Projekte verteilt.
Neue Korridore und militärische Mobilität
Die Einbindung der Ukraine eröffnet nach der vorliegenden Argumentation zusätzliche Verkehrsverbindungen zwischen dem Schwarzen Meer, Mitteleuropa, dem Baltikum und den globalen Märkten. Der TEN-T-Korridor Ostsee–Schwarzes Meer–Ägäisches Meer führt durch 13 Länder. Zu den angebundenen Städten zählen Danzig, Warschau, Krakau, Lwiw, Odessa, Bukarest, Constanța, Sofia und Thessaloniki.
Die Korridore erweitern zugleich die Möglichkeiten für Transporte, die nicht über Russland führen. Im Mittelpunkt stehen dabei bestehende und geplante Bahn-, Straßen- und Hafenverbindungen. Die ukrainische Infrastruktur ist bereits in den Nordsee-Ostsee-Korridor sowie in den Korridor Ostsee–Schwarzes Meer–Ägäisches Meer eingebunden.
Grenznahe Verkehrsprojekte können außerdem sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen. Für die militärische Mobilität wurden im Rahmen von CEF Transport 1,74 Milliarden Euro bereitgestellt. Damit wurden 95 Projekte in 21 EU-Mitgliedstaaten finanziert. Rund 874 Millionen Euro entfielen auf Eisenbahnprojekte und 548 Millionen Euro auf Straßeninfrastruktur.
Wiederaufbau als zusätzlicher Transportbedarf
Die langfristige Nachfrage nach europäischen Verkehrsverbindungen könnte durch den Wiederaufbau der Ukraine weiter steigen. Eine gemeinsame Bewertung der ukrainischen Regierung, der Weltbank, der Europäischen Kommission und der Vereinten Nationen beziffert den Wiederaufbaubedarf über einen Zeitraum von zehn Jahren auf fast 588 Milliarden US-Dollar. Davon entfallen mehr als 96 Milliarden Dollar auf den Verkehr, rund 91 Milliarden Dollar auf die Energieversorgung und etwa 90 Milliarden Dollar auf den Wohnungsbau.
Für Unternehmen in der EU würde eine durchgehende Eisenbahnverbindung mit europäischer Spurweite den Zugang zu diesem Markt erleichtern. Betroffen wären unter anderem Hersteller von Baustoffen, Maschinen, Energieanlagen und Verkehrstechnik. Die Integration der Verkehrsnetze zwischen der Ukraine und der EU wird deshalb als wirtschaftliches Vorhaben mit langfristiger Bedeutung für Transport, Handel und Investitionen beschrieben. Die bereits laufenden Projekte konzentrieren sich zunächst auf Grenzübergänge, Bahnstrecken und Umschlagkapazitäten.


