Von der Energieversorgung bis zum Tourismus: Auch öffentliche Institutionen in Wien nutzen bereits KI-Technologien, teils für Marketingkampagnen. Sie bringen Effizienz und neue Kreativität, bergen aber Risiken wie fehlende Authentizität oder Vertrauensverlust. Experte Michael Katzlberger sieht die Kreativwirtschaft vor einem tiefgreifenden Wandel.
WIEN. Was vor wenigen Jahren noch wie Science-Fiction klang, ist heute Realität. Die Veröffentlichung von ChatGPT (Version GPT-3.5) durch OpenAI Ende 2022 markierte den Startschuss in eine neue Ära – seither ist der KI-Boom in vollem Gange. Um im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht den Anschluss zu verlieren, liefern sich große Tech-Konzerne ein Wettrennen: Milliardenunternehmen wie Meta und Alphabet werfen alles in die Waagschale und brachten eigene KI-Produkte auf den Markt. Darüber berichtet Welt Stimme.
KI-Anwendungen sind längst Teil des Alltags geworden, sichtbar beispielsweise in der Vielzahl an künstlich erzeugten Bildern und Videos im Internet. Plattformen wie ChatGPT, Midjourney oder Stable Diffusion operieren nach ähnlichen Prinzipien: Nutzer geben einen sogenannten Prompt ein, woraufhin die KI ein Bild erstellt, das in Stil und Detail variiert werden kann. Auch Videos entstehen nach diesem Prinzip. Anbieter wie Runway, Pika Labs, Synthesia oder Kaiber haben sich in diesem Bereich etabliert, während OpenAI mit „Sora“ ein eigenes Modell testet.
Die heimische Kreativbranche und öffentliche Institutionen haben den Trend aufgegriffen: Stadt-Wien-nahe Unternehmen setzen bereits KI-Technologie ein, wie MeinBezirk auf Nachfrage erfuhr.
Stadt Wien-Unternehmen setzen auf KI
„Als Unternehmen sind wir neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen. Wien Energie nutzt KI-Anwendungen im Bereich der visuellen Kommunikation, etwa um in kreativer Weise zu überhöhen“, erklärt Wien Energie-Sprecher Alexander Horr. Man begreife KI als Arbeitstool, das bestehende Werkzeuge ergänzt und nicht ersetzt. „Wir legen großen Wert auf die verantwortungsvolle Nutzung. Bei der Verwendung Künstlicher Intelligenz halten wir uns an dafür entwickelte Richtlinien. Dazu gehört auch eine Kennzeichnungspflicht“, betont er.
Bei den Wiener Linien gab es auf Nachfrage bislang keine Werbung oder Imagekampagnen, die auf KI-Generierung beruhen. Dennoch werden bereits entsprechende KI-Tools in der Konzept- und Layoutphase verwendet. „Alle Kampagnen, die veröffentlicht werden, werden aber eigenständig produziert“, hebt eine Sprecherin hervor. Sofern KI in Zukunft für werbliche Zwecke genutzt wird, würde dies entsprechend gekennzeichnet werden.
Technologie als Ergänzung
Wien Tourismus verwendet ebenfalls Künstliche Intelligenz zur Optimierung von Abläufen und zur Verbesserung von Dienstleistungen. Dabei betont man die zentrale Rolle menschlicher Kreativität. KI werde vor allem im Hintergrund eingesetzt, etwa bei der Bildbearbeitung. Im Marketing habe man KI bereits frühzeitig integriert und konkret im Rahmen einer Wien-Kampagne eingesetzt, um Wiens Kunstschätze zu thematisieren – sichtbar in der Kampagne „UnArtificial Art“ in der Saison 2022/2023.
„Im Herbst 2022 begannen wir mit der Arbeit an der Kampagne, die im Frühjahr 2023 veröffentlicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde gerade ChatGPT eingeführt. Im Rahmen der Kampagne haben wir Klimt- und Schiele-Bilder mithilfe von KI verfremdet, um auf die Authentizität hinter der künstlichen Intelligenz aufmerksam zu machen“, so eine Wien Tourismus-Sprecherin. Die Sujets von „UnArtificial Art“ waren großflächig auf dem New Yorker Times Square und in Metropolen wie Chicago zu sehen. „Ohne menschliche Intelligenz gibt es keine künstliche Intelligenz“, betont sie weiter. Entsprechend würden interne Richtlinien zu Datenschutz, Urheberrecht, Transparenz und Kennzeichnung gelten.
Die Bestattung Wien hingegen verzichtet bislang auf den Einsatz von KI. „Wir kreieren unsere Kampagnen persönlich. Gerade bei Marketingmaßnahmen für unser Bestattungsmuseum, die Wiener Schmäh mit einem respektvollen Umgang mit dem Thema Bestattungskultur verbinden, ist persönliche und menschliche Ideenfindung unumgänglich“, erklärt ein Sprecher auf Nachfrage.
Chancen und Risiken
Der erste Schritt zur Anwendung von KI in der Kreativwirtschaft ist vollzogen. Michael Katzlberger, als einer der führenden heimischen KI-Experten, sieht enorme Chancen, warnt jedoch vor erheblichen Risiken. Seit 2016 beschäftigt er sich intensiv mit den hochmodernen Techniken in der Kreativwirtschaft und setzt darauf, diese zu entmystifizieren und für Unternehmen nutzbar zu machen.
KI-Bilder bieten laut ihm enorme Kosten- und Zeitersparnisse, flexible Anpassungen und kreative Szenarien. Motive könnten binnen Minuten angepasst, variiert und personalisiert werden. Zudem ermögliche KI die Visualisierung fantastischer oder unmöglicher Szenarien, die fotografisch nicht umsetzbar wären. Der Einsatz dieser Technologie kann für viele Werbekunden besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten verlockend sein. Allerdings betont Katzlberger auch die Gefahren: KI-Bilder könnten „seelenlos“ wirken, rechtliche Fragestellungen seien ungeklärt, und Deepfakes gefährden das Vertrauen in visuelle Medien.
„Menschlicher Touch“ als Schlüssel
Studien zeigen, dass Konsumenten KI-generierte Inhalte als weniger authentisch empfinden, sobald deren Herkunft bekannt wird. „Das Vertrauen kann leiden, besonders, wenn die KI-Nutzung nicht transparent kommuniziert wird. Die emotionale Bindung zu Marken könnte abnehmen, wenn der ‚menschliche Touch‘ fehlt“, warnt er.
Für öffentliche Institutionen wie die Stadt Wien ist der Einsatz von KI ambivalent. Einerseits könnten Kosten gesenkt werden, andererseits muss besonders auf ethische Standards und Transparenz geachtet werden, um Vertrauen zu sichern.
Kreativwirtschaft vor großem Umbruch
Die Kreativwirtschaft steht insgesamt vor einer Transformation: Klassische Berufe sind gefährdet, während neue Rollen wie „Prompt Designer“ entstehen. Für Katzlberger ist KI zwar ein unverzichtbares Werkzeug, jedoch kein Ersatz für menschliche Kreativität: „Die Zukunft liegt in der Symbiose: Menschen liefern die strategische Vision, emotionale Intelligenz und ethische Einordnung, während KI die Umsetzung beschleunigt.“
Er blickt bereits weiter in die Zukunft: „In fünf Jahren werden die Karten neu gemischt, da wir dann mit der ersten AGI (Artificial General Intelligence) rechnen können“, so eine Einschätzung des Experten. AGI bezeichnet eine KI mit menschenähnlichen Fähigkeiten, die jede intellektuelle Aufgabe erlernen und ausführen kann. Ein solcher Schritt könnte Gesellschaft und Arbeitsmarkt erneut „massiv umkrempeln“.


