OMV stoppt Geothermie-Projekt für Fernwärme in Graz – Stadt lehnt Kaufangebot ab

November 10, 2025 23:32
OMV stoppt Geothermie-Projekt für Fernwärme in Graz – Stadt lehnt Kaufangebot ab

Die OMV hat überraschend ihr geplantes Geothermie-Projekt in der Oststeiermark gestoppt. Das Vorhaben, dessen Kosten sich auf fast eine halbe Milliarde Euro belaufen, sollte ab 2030 rund die Hälfte des Großraums Graz mit Fernwärme aus Tiefengeothermie versorgen. Die Energie Steiermark offerierte der Stadt Graz daraufhin ein Kaufangebot für den Fernwärmesektor der Energie Graz, was die Stadt jedoch vehement ablehnt.

STEIERMARK/GRAZ. Im Juni dieses Jahres kündigte die OMV ein Geothermie-Projekt in der Oststeiermark an, das ab 2030 für die Fernwärmeversorgung Graz‘ sorgen sollte. Im Dezember 2025 sollten seismische Messungen starten, um das geothermische Potenzial des oststeirischen Beckens im Großraum Graz zu erforschen. Doch Ende letzter Woche setzte das Unternehmen die Stopptaste. Darüber berichtet Welt Stimme.

Obwohl alle erforderlichen behördlichen Genehmigungen vorlagen, hätten abschließende Gespräche zwischen den Vertragsparteien Energie Graz, Energie Steiermark und OMV ergeben, dass das Projekt in der geplanten Form derzeit nicht durchführbar sei, so die OMV. Der Grund hierfür sind fehlende Beschlüsse der Stadt Graz.

Kahr: „Hätte uneingeschränkte Haftung bedeutet“

Die Entscheidung der OMV wurde im Büro von Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) „mit Bedauern zur Kenntnis genommen“. In einer schriftlichen Stellungnahme äußerte Kahr jedoch deutliche Kritik an den vertraglichen Rahmenbedingungen.

„Der von den Partnern vorgeschlagene Vertrag hätte bedeutet, dass die Stadt Graz lediglich Abnehmerin der Fernwärme gewesen wäre, dafür aber die uneingeschränkte Haftung zu tragen gehabt hätte. Das würde nicht nur die Energiepreise in die Höhe treiben, sondern auch die Existenz des städtischen Energieversorgers gefährden. Zudem lässt das Statut der Stadt Graz diese Vorgangsweise gar nicht zu.“
Elke Kahr, Bürgermeisterin der Stadt Graz

Vonseiten der Energie Steiermark zeigt man sich über die Absage besorgt. „Allen ist klar, dass das Geothermie-Projekt zur Sicherung der Wärmeversorgung absolut unverzichtbar ist und eine historische Chance darstellt. Derzeit kommt die Wärmeversorgung in Graz nur zu etwa zehn Prozent aus erneuerbaren Quellen. Damit sind die Grazerinnen und Grazer den Preisschwankungen auf den internationalen Märkten voll ausgeliefert“, erklärt Konzernsprecher Urs Harnik. Es gehe um die Unabhängigkeit von Erdgasimporten, stabile Energiepreise und die Nutzung regionaler Ressourcen.

Absage an Verkauf der städtischen Fernwärme

Nur wenige Stunden nach der Projektabsage durch die OMV hat die Energie Steiermark (zu 100 Prozent im Besitz des Landes Steiermark) der Stadt Graz ein Übernahmeangebot über rund 120 Millionen Euro für die Fernwärmesparte der Energie Graz (zu 51 Prozent im Besitz der Holding Graz und zu 49 Prozent im Besitz der Energie Steiermark) vorgelegt, was von Konzernsprecher Urs Harnik bestätigt wurde. Ziel ist es, das Projekt mit der OMV möglicherweise doch noch weiterzuführen.

Die Energie Steiermark möchte sich nicht weiter zur internen Kommunikation mit der Stadt Graz äußern, allerdings übt Bürgermeisterin Kahr Kritik am Zeitpunkt: „Dass nur wenige Stunden nach der überraschenden Absage der OMV an das Geothermie-Projekt ein Angebot der Energie Steiermark an die Stadt Graz eingelangt ist, lässt vermuten, dass dieses Übernahmeangebot nicht spontan erfolgt ist“, so Kahr.

Kahr betont, dass die Zusammenarbeit zwischen Energie Steiermark, Energie Graz und Holding Graz bisher immer gut und verlässlich funktioniert hat. Jedoch habe diese aktuelle Vorgangsweise das Vertrauen erschüttert, da sie den Eindruck erwecke, dass das Projekt nur verfolgt wurde, um eine (Teil-)Übernahme des Grazer Energieversorgers zu erzwingen. Ein Verkauf der städtischen Fernwärme komme für die Stadt nicht infrage. Man werde „alternative Vorschläge unterbreiten, um den Fernwärmeausbau und die Dekarbonisierung gesamthaft abzusichern“, heißt es aus dem Bürgermeisterbüro.

Fernwärmeausbau ohne Geothermie gefährdet

Laut Angaben der Energie Steiermark könne der Ausbau der Grazer Fernwärme ohne das Geothermie-Projekt nicht fortgesetzt werden. „Die gesetzlichen Vorgaben sind strikt und verlangen eine Dekarbonisierung. Andere kleinere Projekte, etwa der Sonnenspeicher Süd, können zwar auch Beiträge liefern, sind aber viel zu klein, um Wesentliches zu verändern“, so der Konzernsprecher.

Eine rasche Entscheidung sei notwendig, denn andernfalls drohe für die Stadt die Gefahr, dass Bundesförderungen in Millionenhöhe wegfallen und die Lage sich noch weiter dramatisiere.

Neos orten „Skandal“, FPÖ kündigt Anfrage an

Die Entscheidung, das Geothermie-Projekt für die Grazer Fernwärme zu stoppen, bezeichnet Neos-Energiesprecher Robert Reif als „Skandal“. Er fordert, dass die Politik jetzt handeln muss. „Der Ball liegt bei Bürgermeisterin Kahr und Landeshauptmann Kunasek. Sie entscheiden, ob wir künftig steirische Fernwärme nutzen können und damit einen großen Schritt in die Unabhängigkeit machen oder ob wir weiterhin von russischem Gas abhängig sein werden.“

Auch die Grazer FPÖ kritisiert die Entscheidung scharf. „Wir wollen mit einer umfassenden Anfrage an Bürgermeisterin Elke Kahr und Finanzstadtrat Manfred Eber alle Hintergründe dieser bedauerlichen Entwicklung beleuchten. Es muss geprüft werden, ob nicht eine Wiederaufnahme des Projekts oder auch andere Lösungen möglich sind, um die Wärmeversorgung der Grazer Bevölkerung sowie die Dekarbonisierung sicherzustellen“, so FPÖ-Spitzenkandidat René Apfelknab für die Gemeinderatswahl.

Auch SPÖ Graz-Chefin Doris Kampus äußerte sich am Montag zu dem Thema. „Was hier rund um den Fernwärme-Deal passiert, ist höchst fragwürdig. Es muss jetzt umgehend dafür gesorgt werden, dass von allen Seiten Transparenz herrscht – dafür muss jetzt auch die Bürgermeisterin sorgen“. Sie spricht sich klar „gegen jede Form des Verkaufs zentraler Infrastruktur an Private“ aus.

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